Frei - und voller Tatendrang

- Fast wäre die Wahl- Münchner Choreographin Eva-Maria Lerchenberg- Thöny dem Tanz abhanden gekommen. Nach den Tanz- Direktionen am Tiroler Landestheater in ihrer Heimatstadt Innsbruck (1992-95) und an den Städtischen Bühnen Augsburg (1996/97) zog sie sich zurück. Die ihr bei den oft hart konkurrierenden Interessen innerhalb eines Mehrspartenhauses abgeforderte Hindernisbewältigung hatte sie erschöpft, entmutigt. Aber so ein Atemholen motiviert neu: Im Herbst 2007 startet sie wieder als Tanzchefin, in Braunschweig, wo sie den ans Münchner Gärtnerplatztheater wechselnden Henning Paar ablöst.

Passiv war Lerchenberg- Thöny in ihrer "Tanz-Pause" natürlich nicht. Geht gar nicht bei ihrer kreativen Unruhe. Nach gedrängter Journalisten- Ausbildung für Quereinsteiger wirft sie sich aufs Schreiben, arbeitet über soziale Themen, verfasst Kinderbücher und -stücke und inszeniert für die Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel, die ihr Mann Michael Lerchenberg leitet.

"Er hätte schon gerne, wenn ich weiter bei ihm inszenieren würde", wirft sie ein, "aber ich bereite jetzt schon ein Stück vor, das im Mai 2007 im brasilianischen Belém an der Fundacao Carlos Gomes herauskommt, einer Art Musikhochschule, die über Lehrangebote und eigene Produktionen gezielt auch Sozialarbeit leisten will. Ich setzte mich da mit der Geschichte von Dorothy Stang auseinander, einer amerikanischen Nonne, die 30 Jahre lang in Brasilien für die Rechte der landlosen Bauern kämpfte und 74-jährig von Auftragskillern ermordet wurde. Es ist ein Stück gegen das Vergessen."

Es sei ihr immer schon ein Anliegen gewesen, etwas "zu bewegen", erklärt sie. Und verstärkt thematisiert sie gesellschaftspolitische Grundsatzfragen.

Gesellschaftskritisch intendiert ist auch ihre Version von "Romeo und Julia", die am 17. März 2007 am Theater Coburg Premiere hat. Es geht ihr "um das Scheitern der Liebe an starren Machtstrukturen, ob sie nun religiöser oder politischer Natur sind".

Das Coburger Tanzensemble zählt nur sechs Mitglieder. Aber Intendant Dieter Gackstetter, einstmals selbst Ballett-Direktor und zwar in München, sorgt für zusätzliche Gasttänzer.

Just im Ballett der Bayerischen Staatsoper -vor Konstanze Vernons Umstrukturierung zum unabhängigen Staatsballett -beginnt auch Eva Thöny Ende der 70er- Jahre, frisch diplomiert von der Münchner Musikhochschule/ Abteilung Ballett. Als US-Gastchoreograph Lar Lubovitch sie in seinem Stück einsetzt, erkennt sie im Modern Dance ihre Bestimmung, kündigt 1981, holt sich in London und Paris noch fehlende Kenntnisse, tanzt anschließend bei der modern ausgerichteten Krisztina Horváth an den Theatern Osnabrück und Freiburg, um sich 1985 risikobereit als Choreographin auf die freie Wildbahn zu wagen.

Ihr Tanz-Tanztheater tourt durch ganz Deutschland, wird eingeladen nach Moskau, Kiew, Krakau,Nowgorod, Tunis, Belém und Kairo -wo man sie nach ihrem bejubelten "Woyzeck" gleich dabehalten wollte.

Und jetzt Braunschweig. Schon zweimal zuvor hatte Intendant Wolfgang Gropper ihr die Tanzleitung angeboten. Aber die Familie ging ihr vor: "Mein Sohn hat von klein auf sämtliche Gastreisen brav mitgemacht. Er war sogar zweimal für drei Monate in Kairo in der Deutschen Schule. In den beiden Jahren vor dem Abi wollte ich ihm einen Schulwechsel nicht mehr zumuten."

Jetzt, da der angehende Mediziner das Physikum bestanden hat, fühlt sie sich frei -und voller Tatendrang: "Das Budget in Braunschweig erlaubt zwei Produktionen im großen, drei im kleinen Haus. Es wird Werkstätten geben, Arbeit in Schulen, Junge-Choreographen-Abende und auch Gastchoreographen. Lerchenberg- Thönys Devise und Ziel: "Die Vielfalt des Tanzes zeigen. Und dabei immer mit dem Publikum kommunizieren. Tanz ist für mich stets Ausdruck einer Emotion und geht direkt von Bauch zu Bauch."

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