1. Startseite
  2. Kultur

Freibeuter der Oper: Biografie über Peter Jonas

Erstellt:

Von: Markus Thiel

Kommentare

Sir Peter Jonas
Sir Peter Jonas (1946-2020) vor seinem Haus: Der gebürtige Londoner mit deutschen Vorfahren war von 1993 bis 2006 Intendant der Bayerischen Staatsoper. © Heinz Weissfuss

Er war eine der ungewöhnlichsten Intendantengestalten der vergangenen Jahrzehnte. Julia Glesner hat eine umfangreiche Biografie über den 2020 verstorbenen Sir Peter Jonas geschrieben.

Irgendwann wird er auffliegen. Irgendwann werden sie merken: Er ist nicht genügend qualifiziert. Oder schlimmer – er kann es gar nicht. Eine Urangst, die Sir Peter Jonas ständig verfolgte. Und die, gemessen an klassischen Ausbildungsverläufen, sogar berechtigt war: ein mit Stipendien bestens versorgter Bummel-Student, lebens- und nicht unbedingt lernhungrig. Ein schon früher Opernnarr, der sein weniges Geld für Tickets ausgab und als Statist erste Bühnenerlebnisse hatte. Und der nach Uni-Aufenthalten in Großbritannien und den USA eine Sänger-Karriere ausschloss, um sich zu sagen: Dann werde ich eben Orchester- oder Opernmanager.

Das Verblüffende, man merkt es jedem Kapitel dieses Buches an – es funktionierte. Julia Glesners „Oper für alle“ ist die Biografie über eine der ungewöhnlichsten Intendantengestalten der vergangenen Jahrzehnte. Peter Jonas, der im April 2020 den Kampf gegen den Krebs endgültig verlor, entstaubte (nicht nur) die Bayerische Staatsoper und machte sie fit für die Moderne. Doch es ist weit mehr als eine Berufs- und Berufungsgeschichte, die Glesner erzählt. Zugleich wird klar, dass es sich hier nicht um einen später geadelten, 1946 in London geborenen Prince Charming handelte, sondern um einen zerrissenen, traumatisierten Charakter, der lebenslange Kämpfe durchzustehen hatte.

Berührendes Porträt eines Sterbenden

Das begann schon mit dem zwiespältigen Verhältnis zur Mutter, die in die Oberschicht Jamaikas hineingeboren wurde, und zum Vater, der einer deutsch-jüdischen Familie entstammt. Zum Anker wurde für Peter Jonas seine Schwester Kathryn, die den Luftikus mit Bücherlisten versorgte, damit er diese gefälligst in den Ferien abarbeitet. Als sie Suizid beging, brach für Jonas eine erste Welt zusammen. Die zweite folgte im Mai 1976, als bei ihm das Hodgkin-Lymphon diagnostiziert wurde, Lebenserwartung: ein Jahr. Da hatte Jonas gerade seine erste Stelle beim Chicago Symphony Orchestra unter Chefdirigent Georg Solti angetreten. Ohne Vorkenntnisse, wie man ein solches Ensemble managt, musste sich Jonas im eiskalten Wasser freischwimmen. Glesner zeigt, mit wie viel Chuzpe, Risikolust und Selbstbewusstsein das gelang.

Das Buch ist ungewöhnlich strukturiert. Nach rund 100 Seiten Charakterisierung, einer Art rückblickendem Essay auf Leben und Werk, biegt alles in die klassische, am Zeitstrahl orientierte Biografie ein. Glesner hat Jonas in seinen letzten Lebensjahren oft besucht und ist ihm sehr nahe gekommen. Die Treffen sind wie kleine Reportagen eingewebt. Je weiter das Buch fortschreitet, desto kürzer, fast kurzatmiger werden die Kapitel. Auf womöglich ungewollte Weise wird beim Lesen deutlich, dass Jonas immer weniger Zeit blieb: „Oper für alle“ ist auch das berührende Porträt eines Sterbenden.

Eine staunenswerte Quellen- und Interviewarbeit steckt im Buch. Weggefährten kommen ausgiebig zu Wort. Viele Lebensläufe und Randgeschichten machen die Sache allerdings auch zu ambitioniert, das 650-Seiten-Opus wirkt in solchen Abschnitten überernährt. Hauptquelle sind die Gespräche mit Jonas, mit einem begnadeten Geschichtenerzähler, dem Ausschmückungen und Pointen manchmal wichtiger als Wahrheiten waren. Man erfährt viel von der tiefen, lebensrettenden Beziehung zur Sopranistin Lucia Popp. Von der glücklichen Ehe mit der seelenverwandten Barbara Burgdorf, Konzertmeisterin des Bayerischen Staatsorchesters. Und von engen Freundschaften mit Zubin Mehta und Daniel Barenboim, der dem sterbenden Jonas täglich per Telefon ein Klavierstück vorspielte.

Der Autorin unterlaufen ein paar Fehler

Eine Info-Fülle ist das, die ein strengeres Lektorat erfordert hätte – gerade weil sich die Autorin über Fehler in vielen Jonas-Nachrufen beschwert: Der Dirigent Ivor Bolton wird von ihr einmal als „Regisseur“ tituliert, an seiner britischen Schule soll Jonas den „Gallischen Krieg“ vom Lateinischen ins Deutsche (?) übersetzt haben, einige Münchner Operngänger hätten sich darüber beschwert, was Jonas aus der „Zauberflöte“ gemacht habe (es gab gar keine Neuinszenierung), zudem war er in München nie „Generalintendant“.

Was aber überdeutlich herausgearbeitet wird: mit welchen Mitteln und mit welcher sich selbst und anderen gegenüber rücksichtslosen Arbeitswut Peter Jonas seine drei Kulturinstitutionen veränderte. Nach dem Chicago Symphony Orchestra zeigte sich das vor allem an der English National Opera, bei der er mit Chefdirigent Mark Elder und dem szenischen Leiter David Pountney ein Triumvirat bildete, das gegen die kulturfeindliche Politik von Premierministerin Margaret Thatcher kämpfte. An der Bayerischen Staatsoper, wo Jonas von 1993 bis 2006 Intendant war, fand er schließlich Erfüllung und Heimat.

Brillanter Intellektueller mit dunklen Seiten

„Oper für alle“, der Buchtitel, bezieht sich auf eine einmalige, bald nachgeahmte Öffnungspolitik, die sich nicht nur auf die gleichnamigen Münchner Freiluftspektakel bezieht. Vehikel dafür waren Barock-Produktionen, die mit Händels „Giulio Cesare“ samt legendärem Dinosaurier begannen. Kultur müsse Stadtgespräch sein, so das Credo von Jonas. Das glückte ihm mit seinen Produktionen und mit seiner puren, narzisstischen Präsenz. Die hatte auch dunkle Seiten: Jonas konnte, wie Glesner beschreibt, so gewinnend wie manipulativ und verletzend sein.

Brillante Intellektualität und Show, das lebte Jonas vor. Dieses Doppelgesichtige ermöglichte ihm seine Erfolge. Er kämpfte gegen das Establishment, wie es Glesner schlüssig beschreibt, und war doch ein Teil von ihm. Seine Krebserkrankung bekämpfte er nicht nur mit eisernem Überlebenswillen, sondern auch mit bizarrem Humor. Die Schicksalsschläge, die Leiden, all das sei zwar „übermenschliche Anstrengung“ für Peter Jonas gewesen, schreibt Julia Glesner. Aber: „Das machte ihn frei.“

Julia Glesner:
„Oper für alle“. Insel Verlag, Berlin, 652 Seiten; 34 Euro.

Auch interessant

Kommentare