Freie Kunst und Arbeitsamt

- Wenn Peer Boysen Oper inszeniert - am Münchner Gärtnerplatz, in Göttingen oder Anfang 2005 in Karlsruhe -, ist sie dabei: Barbara de Koy. "Bei ihm spiele ich immer Männer. Darum bin ich froh, dass ich jetzt mal 'ne gnädige Frau sein darf, so eine richtige Spinatwachtel." Damit meint die Schauspielerin ihre Rolle in den "Witwen" von Ludwig Thoma. Diese urmünchnerische Komödie hat morgen in der Kleinen Komödie am Max II Premiere. Es inszeniert Peter Bernhardt. Außer de Koy sind u. a. mit dabei: Luise Deschauer und Heide Ackermann, Stefan Reck und Markus Völlenklee.

<P>"Als Schauspieler muss man wahnsinnig brav sein. Eigene Meinung ist nicht erwünscht."<BR>Barbara de Koy</P><P>Für Barbara de Koy, diese junge, zierliche Frau, die in ihrer bescheidenen Selbstgewissheit wirkt wie ein Fantasiewesen aus der Welt der Poesie, ist dieser Auftritt wie ein zweites Münchner Debüt: "Mich kennt praktisch keiner mehr. Überall muss ich meinen Namen buchstabieren. Dabei war ich acht Jahre am Volkstheater."<BR><BR>Doch da irrt sich die bayerisch sprechende Schauspielerin. Gerade aus der Volkstheaterzeit sind ihre flirrenden, versponnenen wie auch kraftvollen und mitunter schrillen Rollen in guter Erinnerung. Aber als sie nach achtjährigem Engagement bei Ruth Drexel gekündigt und alle entsprechenden Warnungen, sich nicht in die "freie Wildbahn" zu begeben, in den Wind geschlagen hat, ist es doch verdammt still um sie geworden.<BR><BR>Nur mit einigem Glück ist sie damals dem Umschulungswahn des Arbeitsamtes entkommen, das mit in diesem Fall kontraproduktivem Fleiß freie Künstler in Büromenschen umfunktionieren wollte. Der sehr zweifelhafte Versuch, ihnen ein Korsett anzupassen, aus dem sie im Falle eines plötzlichen Theater- oder TV-Angebots nicht hätten herauskommen können. "Da wurde uns gesagt, wir müssten alle einen Büro-Kurs machen. Für horrende Summen, bei denen nur die daran verdienen, die die Kurse halten."<BR><BR>Es war nicht leicht, sich dagegen zu behaupten und im eigenen Beruf eine Existenz zu sichern. Die Unwägbarkeiten sind auch jetzt noch immer groß. Aber zurück in ein festes Theater-Engagement würde Barbara de Koy nicht gehen wollen: "Weil man dort nicht gut behandelt wird. Als freier Schauspieler ist man gezwungen, ganz andere Sachen auszuprobieren. Ich wäre doch sonst nie zur Oper gekommen." Im festen Engagement, jedenfalls so wie sie es kennen gelernt hat, sei es sehr schnell sehr langweilig: "Man muss als Schauspieler wahnsinnig brav sein. Eigene Meinung ist nicht erwünscht. Das ist doch kein Leben. Es stimmt, als Freie hatte ich zunächst Angst, dass ich verhungere. Aber es ist ja nicht eingetreten. Es war bis jetzt eine schöne Zeit."<BR><BR>Nun allerdings kommt "Hartz IV". Das bedeutet, die Lage für freie Schauspieler verschärft sich noch einmal. Das heißt: Mussten, um den Anspruch auf Arbeitslosengeld zu halten, bislang in drei Jahren 365 Arbeitstage nachgewiesen werden, gilt dies in Zukunft für eine Frist von zwei Jahren. "Das kriegt man schwer zusammen", weiß Barbara de Koy. Aber in der ihr eigenen ruhigen Art sagt sie lächelnd, als käme sie von einem anderen Stern: "Das muss man auf sich zukommen lassen. Man muss flexibel bleiben." Kein bisschen Existenzangst? "Total. Auch jetzt. Aber die hat doch jeder oder? Ich glaube, ich habe nicht mehr Existenzangst als andere Leute."<BR><BR>Barbara de Koy will sich nicht "verkaufen". Sie wolle ihre Rollen gut spielen, das sei alles. "Ich will ein Steinchen sein in dem Schmuckstück einer Aufführung. Oder wie ein Faden in einem wunderschönen Teppich. Oder einer von vielen Mosaiksteinen, die in der Gesamtsumme ein Bild ergeben." Das gilt nicht nur für die Bühne, so sieht Barbara de Koy auch das Leben.<BR><BR>Zum Beispiel das ihrer Familie väterlicherseits, dem sie erst in jüngster Zeit nachgegangen ist. "De Koy" - das ist die saloppe, aber amtlich registrierte Abkürzung des Namens Wssewoloschsky. Alter russischer Adel, aus dem ihr Vater stammt, der ein russischer Emigrant in Amerika war, wo Barbara de Koy auch geboren wurde. In den 90er-Jahren reiste sie nach Russland und traf dort die interessanten "Reste" der Familie. </P><P>"Zum ersten Mal in meinem Leben empfand ich eine gewisse Ruhe - als ich meine Verwandten entdeckt und festgestellt habe: Ich bin gar kein Einzelgänger in meiner Familie, die mütterlicherseits aus der Gegend um Ingolstadt kommt. Plötzlich sah ich in den alten Fotoalben: Es gibt noch mehr von meiner Sorte - Theaterleute, Musiker, sogar ein Theaterdirektor des Zaren in St. Petersburg ist dabei." Nun weiß die Schauspielerin ihre innere Zerrissenheit einzuordnen: "Das Gscherte mag ich, aber das andere eben auch. Und dazu noch so androgyne Wesen." Denn: "Auch Geister haben ihre ganz praktischen Bedürfnisse."<BR><BR></P>

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