Die Freiheit des Alters

- "Inzwischen bin ich fast achtzig. Minderheit zu sein, war meine Erfahrung", schreibt Dieter Lattmann in seiner gerade erschienenen Autobiografie "Einigkeit der Einzelgänger". Denn stets war er bestrebt, innerhalb der Demokratie für Wandel zu sorgen, an bestehenden Zuständen nicht um ihrer selbst willen festzuhalten. Heute feiert der Schriftsteller, Kulturpolitiker und Wahlmünchner seinen 80. Geburtstag.

Er halte es mit seiner Romanfigur der "Verwerflichen Alten": "Was hat das Alter für einen Sinn, wenn es nicht frei macht?" Und es hat ganz den Anschein, als wolle er sich die Freiheit mit diesem Buch, das sein politisches, literarisches und familiäres Leben bilanziert, vollends erschreiben.

1926 in Potsdam geboren, gehörte Lattmann zu der Generation, die von der Schulbank weg in den Zweiten Weltkrieg geschickt wurde. Später machte er eine Verlagslehre, wurde Herstellungsleiter im Münchner List Verlag, schließlich freier Schriftsteller und Rundfunkautor, schrieb mehrere Romane, darunter "Die Brüder" (1985) und "Jonas vor Potsdam" (1995).

1968 engagierte er sich als erster Präsident der Bundesvereinigung der Schriftsteller-Verbände. Und als Bundestagsabgeordneter der SPD (1972-1980) war er maßgeblich daran beteiligt, die Künstlersozialversicherung ins Leben zu rufen. Es folgten zahlreiche Aktionen innerhalb der Friedensbewegung.

All diese Stationen schildert Lattmann sympathisch bescheiden, anhand von Begegnungen mit vielen Persönlichkeiten. Etwa mit Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Willy Brandt. Und es wäre für ihn keine Freiheit des Alters zu erreichen, wenn er Niederlagen dabei ausklammern würde. Oder den größten Schicksalsschlag, als sein suchtkranker Sohn sich tötete, weshalb sich Lattmann bis heute in der Suchtprävention engagiert: "Noch nie, nicht im Krieg, nicht in er Politik, die niemanden schuldlos entlässt, hatte ich mich so bis auf den Kern all meines Denkens und Tuns in Frage gestellt gesehen."

Dieter Lattmann: "Einigkeit der Einzelgänger. Mein Leben mit Literatur und Politik". A1 Verlag, München, 370 Seiten; 24,80 Euro. Lesung und Ehrung des Autors am 21. Februar, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus.

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