Freiheit der Gedanken

- Gleich zwei Chinesinnen erhalten am Dienstagabend in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche die diesjährigen Chamisso-Förderpreise der Robert Bosch Stiftung. Ausgezeichnet werden damit "deutsch schreibende Autoren nichtdeutscher Muttersprache". Die Hervorhebung Chinas könnte leicht auf eine politisch motivierte Entscheidung der Jury schließen lassen.

Tatsächlich ist sie es höchstens in einem Fall: Luo Lingyuans Erzählband "Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!" (dtv, 14 Euro) beschäftigt sich auf kunstvoll nüchterne, umso brutalere Weise mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in China, mit willkürlicher Machtausübung, Missachtung von Menschenwürde und Intimsphäre mit Repressionen wie der Ein-Kind-Politik. 1990 kam Lingyuan nach Berlin.

Ihre Heimat verließ sie als 27-Jährige nicht, wie häufig berichtet, in der Folge der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Sondern: "Ich hatte mich in einen deutschen Sinologen an der Uni in Shanghai verliebt. Ich war nie politisch aktiv."

Als Studentin der Computerwissenschaften und Journalistik hatte sie bereits in China für Zeitschriften geschrieben. Von Deutschland aus berichtete sie dann über andere Chinesen im Ausland oder "so exotische Themen wie Hunde". Ihre erste Geschichte reichte sie beim Wettbewerb Open Mike ein, allmählich bekam sie Stipendien. Und dann drängte es sie, ihr erstes Buch zu schreiben: "Es gab kein anderes, stärkeres Thema als China für mich." Sie las viel darüber, reiste so oft wie möglich hin, fühlte sich nicht "abgeschnitten".

Natürlich vermisste sie die Freiheit der Sprache, die sie im Chinesischen hat. Tauschte sie aber gern für die "Freiheit der Gedanken" im Deutschen. Denn auf Chinesisch unterliege sie der "Selbstzensur". Und wie schätzt sie die weitere Entwicklung Chinas ein? "Es wird besser. Die Chinesen nehmen sich die Freiheit, werden aufmüpfiger. Es strömt immer mehr die westliche Kultur mitsamt dem Individualismus in das Land. Gerade in der Kunst findet eine westlich-chinesische Mischung statt." Lingyuan könnte sich daher vorstellen, eines Tages zurückzukehren. Zunächst aber erscheint in diesen Tagen ihr satirischer Roman "Chinesen unterwegs ­ Europa in 19 Tagen" (dtv, 14,50 Euro).

Ungewöhnliche Erfahrungen

Bewusste Erinnerungen hat Que Du Luu weder an China, woher ihre Eltern stammen, noch an Vietnam, von wo aus die Familie 1977 auf einem Schiff nach Deutschland flüchtete. Da war Que Du Luu vier Jahre alt. Ihr Gedächtnis beginnt mit der Kindheit in Herford. Seit 1995 lebt sie in Bielefeld, wo sie gerade ihren Magister macht. "Ernsthaft" schreibe sie erst seit 2002. "Vorher war die Erfahrung nicht da", sagt die 33-Jährige. Die sammelte sie in ungewöhnlichen Gelegenheitsjobs ­ in der Pflege und bei der Nachtwache in der psychiatrischen Einrichtung Bethel. Entsprechend der Stoff ihres tragikomischen Romans "Totalschaden" (Reclam, 14,90 Euro): Ein junger Mann hat seine psychisch kranke Mutter aus seinem Leben verdrängt. Eines Tages sieht er sich mit ihrem Idol konfrontiert und kann nun auch ihr nicht mehr ausweichen. "Ich hatte mich in der Psychiatrie erkundigt, ob tatsächlich fast keine Angehörigen zu Besuch kommen, wir mir schien. Daraus entwickelte sich die Fragestellung des Buchs."

Nach mehreren Preisen für Erzählungen fand sich rasch ein Verlag. Und was ist mit Que Du Luus eigener Geschichte, der abenteuerlichen Flucht mit ihren Eltern vor 30 Jahren? "Ich wollte lange nichts davon wissen. Da ging es mir wie meinem Romanhelden. Ich wurde immer mit der Nase darauf gestoßen, dass ich anders aussehe und woanders herkomme, dabei fühlte ich mich nicht so. Ob ich über die Geschichte meiner Eltern schreibe, weiß ich nicht. Aber für mich festhalten will ich sie endlich. Man kann sich das Schreiben nicht einfach vornehmen. Es muss die Idee, das gewisse Etwas da sein, dann fließt es einfach."

Lesung der Preisträgerinnen am Mittwoch, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus.

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