Freiheit des Pianisten

- Nach langen, entbehrungsreichen Jahren dürfen transkribierende und bearbeitende Pianisten endlich wieder freundlicheren Zeiten entgegenblicken. Denn mit Musikern wie Marc-André´ Hamelin oder Arcadi Volodos konnte sich ein Virtuosentypus auf den Konzertpodien etablieren, der - wie einst Rachmaninow oder Godowsky - keine Scheu vor eigenmächtiger Erweiterung des Notentexts, dem Ausbau und Umbau des Klaviersatzes kennt.

<P>Ein neues, bisher unbekanntes Exemplar dieser wunderlichen Spezies war nun in der Münchner Philharmonie zu bestaunen: der 20-jährige Russe Nikolai Tokarew, der zusammen mit der BBC Philharmonic (unter Yan-Pascal Tortelier) Tschaikowskys erstes Klavierkonzert in Angriff nahm.<BR><BR>Nach der kurzen Orchestereinleitung, die von den Londonern eher dumpf und derb denn strahlend geboten wurde, war sofort klar, wer hier Richtung und Tempo vorgab. Tokarews schlanker, wenn auch nicht übermäßig großer Ton, die durchweg sehr raschen Tempi und sein Oktaven-Brio erinnerten dabei stark an Byron Janis' super-transparenten, fast schon zarten Konzert-Tschaikowsky; sein liberaler Umgang mit dem Text dagegen an die Vertreter jener "goldenen Zeit des Klavierspiels". </P><P>Der Hörer lauschte mit hochgezogenen Augenbrauen den pianisten-eigenen harmonischen Anreicherungen in der zweiten Kadenz und im langsamen Satz; der Dirigent stand daneben und amüsierte sich - auf jeden Fall also ein streitbarer Ansatz, historisch vielleicht sogar korrekter, als man denkt . . . </P><P>Als Zugaben Katchaturians Säbeltanz in der Version von Cziffra und ein Jazz-Stückerl. <BR>In der zweiten Hälfte hätte man sich bei Saint-Saë¨ns' "Orgelsymphonie" (mit dem britischen Organisten Jonathan Scott) wieder einmal aufregen können über die unsägliche Gasteig-Akustik: Das gesamte Orchester verschwand im Orgel-Tutti, von den Celli gab es - wenn man links saß - kaum etwas zu hören. </P><P>Wie dem auch sei: Die BBC-Philharmonic zeigte sich im Großen und Ganzen in bester Verfassung und lieferten einen ebenso bombastischen wie runden Saint- Saëns. </P>

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