Die Freiheit der Vogelfrauen

- Andere schreiben Bücher, Assia Djebar malt sie: jeder Satz ein Pinselstrich. Und erst das blinzelnde Betrachten, das Wirkenlassen auf ein paar Schritte Distanz lässt ein Bild entstehen. Djebars Sätze einmal lesen, heißt, sie nur flüchtig erfassen. Immer wieder lesen aber macht die mosaikhafte Darstellung vollständiger, schließt gewollte Wahrnehmungslücken mit ausreifenden Assoziationen.

<P></P><P>Sätze wie dieser werden dadurch größer und größer: "Die alte Dame sinniert, hört draußen ein schauerndes Schweigen, ein Beben, ihre Gedanken beginnen zu wandern, sie sitzt mit blicklosen Augen da, nur die Fransen ihrer Kopfbedeckung zittern leicht im Halbdunkel." Sätze, die mit ihrer dem Arabischen entstammenden Bildlichkeit manchmal auch irritieren. </P><P>Umso mehr, als die Übersetzerin Beate Thill ihr in manch irreführender Wendung nicht ganz genügen kann: "Die Nachricht war von den Häusern der Europäer gekommen", heißt es umständlich. Und "sie küssten mir manchmal sogar die Hand auf den Rücken und küssten auch die Innenfläche": Zwischen den Zeilen ist hier ein anderer Erzählstil zu lesen, der die Kenntnis seiner kulturellen Wurzeln erfordert. </P><P>Sorgsam trennt die Dokumentarfilmerin, die die algerische Schriftstellerin und Historikerin Djebar auch ist, selbst bei dieser biografischen Erzählung "Frau ohne Begräbnis" den dokumentarischen Rahmen - Vorspiel und Epilog - von einem epischen Kern ab. Und dort begleitet ein Motiv die Geschichte der algerischen Heldin Zoulikha: die Vogelfrauen - eine nordafrikanische Version der Sirenen, die Odysseus betören.<BR><BR>Mit Instrumenten und langen Vogelfüßen, so sind sie auf einem Mosaik der antiken Stadt Caesarea, dem heutigen algerischen Cherchell, abgebildet, der Heimatstadt Assia Djebars und ihrer Protagonistin. Was Djebar vor etwa 20 Jahren bereits filmisch unternahm, hält sie jetzt schriftlich fest: ein Porträt der Partisanenkämpferin Zoulikha, der einzigen Frau aus Caesarea, die von ihren "Flügeln" Gebrauch machte. Indem sie 1956 im Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich als eine der wenigen Frauen den algerischen Widerstand organisierte. Indem sie ein für islamische Verhältnisse sehr selbst bestimmtes Leben führte. Indem sie den Schleier trug, nur wenn es ihr passte.<BR><BR>Wie sie, so stellt sich die Erzählerin vor, werden die Vogelfrauen "davonfliegen, die Frauen dieser Stadt mit ihrem Gesang und ihrer Leichtigkeit! Jedoch (ich lasse meine Trauer laut werden): Seit 1962 hat sich hier wieder die Betäubung ausgebreitet und auf alles gelegt." Zuweilen etwas wehleidig lässt Djebar in ihrem "Oratorium der Stimmen" Zoulikhas Töchter zu Wort kommen, ihre Verwandte Zohra und Madame Lionne, die Wahrsagerin und Totenwäscherin sowie in rückblickenden Monologen sogar sie selbst, die sagenhafte Zoulikha. </P><P>Die Ich-Perspektive ermöglicht, ihr hier ganz nahe zu rücken und eine Vorstellung von ihrem unerschrockenen Stolz zu bekommen. Vielleicht, um Distanz zu gewinnen, betrachtet sich die dokumentarische Erzählerin von außen, als "Fremde", "Besucherin", "Geladene" - Selbstbeschreibungen, in denen auch Scham mitschwingt: darüber, dass so viel Zeit verstrichen ist, bis sich die Autorin an ein Thema wagt, das ihr ganz offensichtlich selbst schmerzliche Erinnerungen und Trauer über heutige Unfreiheit bereitet. Darüber, dass die Freunde in Cherchell so lange warten mussten, bis die emigrierte Künstlerin der Heldin Caesareas endlich ein Denkmal setzte. Kein wuchtiges Standbild, sondern ein zärtliches Bildnis, das sich oberflächlichen Blicken verschließt. </P><P>Assia Djebar: "Frau ohne Begräbnis". Aus dem Französischen von Beate Thill. Unionsverlag, Zürich. 219 Seiten, 17,90 Euro. </P><P> </P><P> </P>

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