Freiraum für Musik: Daniel Barenboims "WestEastern Divan" auf Tour

Berlin - In Daniel Barenboims "West Eastern Divan Orchestra" musizieren Araber gemeinsam mit Israelis. Am kommenden Samstag werden sie auf ihrer Europa-Tournee auf der Berliner Waldbühne auftreten.

Von Utopie mag Daniel Barenboim nicht reden. "Das kommt mir vor wie etwas Unerreichbares", sagt der Dirigent. Doch sein "West Eastern Divan Orchestra" mit jungen Musikern aus Israel und der arabischen Welt könnte so etwas sein wie ein friedlicher Gegenentwurf zur Zerrissenheit in Nahost. Wenn ein junger Araber und ein junger Israeli versuchten, gemeinsam zu musizieren, seien sie auf gegenseitiges Zuhören angewiesen, es entstehe ein Zwiegespräch, wie es sonst zwischen Palästinensern und Israelis kaum möglich sei.

Diesen "mentalen Raum" für gegenseitiges Zuhören haben 1999 Barenboim und der mittlerweile verstorbene palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said geschaffen. Jetzt ist das Orchester auf Europa-Tournee, an diesem Samstag (23. August) wird es in der Berliner Waldbühne unter anderem den ersten Akt von Richard Wagners "Walküre" spielen.

Eine "souveräne Republik" hat Barenboim das Orchester genannt. Im "Divan" spielen 44 Israeli, 40 Araber, zu denen Palästinenser, Syrer, Libanesen, Jordanier und Ägypter zählen, auch drei Iraner und zwei Türken. Den Kern bilden 80 Musiker, von denen viele seit der Gründung dabei sind. Jedes Jahr treffen sich die Musiker zu Proben im spanischen Sevilla, wo auch der Sitz der von der Region Andalusien unterstützten Stiftung Barenboim-Said ihren Sitz hat.

Mit dem Orchester hat sich Barenboim in Nahost zwischen alle Stühle gesetzt. Zwar ist er in der Palästinenser-Stadt Ramallah aufgetreten, in Israel ist das Orchester aber nicht willkommen. Ein geplanter Auftritt in der jordanischen Hauptstadt Amman wurde jüngst aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Der in Argentinien geborene Israeli hält unbeirrt an seinem Projekt fest. Auch wenn sich Israelis und Palästinenser im Orchester nicht immer einig sind - "wir lernen von der Geschichte des Anderen". Die Musiker redeten miteinander, auch wenn sie nicht immer der gleichen politischen Meinung seien.

"Als ich zum Orchester kam, war ich noch nie einem Palästinenser persönlich begegnet", berichtet der Geiger Daniel Cohen. Enge Freundschaften über alle Grenzen hinweg wurden geschlossen und auch Diskussionen über die Lage in Nahost seien bis zu dem Punkt möglich, "an dem wir uns einig sind, dass wir uns uneinig sind". Auch sein Kollege Nabih Boulos berichtet von einer neuen Erfahrung. "Wir lernen, die Geschichte des anderen zu verstehen". Der Geiger aus Jordanien ist seit 2001 dabei. "Der Divan hat uns alle verändert", berichtet auch die Bratschistin Rawan aus Syrien.

Es ist vor allem das künstlerische Interesse und das Musizieren mit Barenboim, das für die jungen Musiker attraktiv ist. "Barenboim ist ein fantastischer Lehrer", sagt Daniel Cohen, der zwischen Berlin und London pendelt und in Großbritannien ein Ensemble leitet. "Als ich im Divan aufgenommen wurde, entschloss ich mich auch, professioneller Musiker zu werden", erzählt Nabih Boulos, der bereits ein Wirtschaftsstudium in den USA hinter sich hat. "Ich bin hier, um Musik zu machen und will in erster Linie als Musiker und nicht als Palästinenser wahrgenommen werden".

An den Pulten sitzen jeweils ein arabischer und ein israelischer Musiker zusammen, damit werde die Kommunikation über alle Grenzen hinweg gefördert, wie Barenboim sagt. Zu den Freiräumen des Zusammenlebens gehört auch eine von der Stiftung getragene Musikschule in Nazareth, wo sich vor allem in Israel lebende Palästinenser aufhalten.

Trotz der komplizierten politischen Lage in Nahost ­ vor dem zehnten Jahr seines Bestehens trotzt das "West Eastern Divan" den politischen Zwängen. "Wir müssen in allen Staaten spielen, die im Orchester vertreten sind". Wie nahe er diesem Ziel ist ­ dazu hüllt sich der Maestro in Schweigen.

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