Freischaffender Apokalyptiker

- Es gibt den Panik-Berater und die Staubforscherin, den Ekelreferenten und den Empörtenbeauftragten, ganz abgesehen vom Postfeind sowie der Alkoholsekretärin - und die Hauptfigur, ein Mann Anfang 50, lebt einigermaßen gut als "freischaffender Apokalyptiker". "Ich bin kein Universalapokalyptiker, sondern ein Zivilisationsapokalyptiker, das heißt, ich bin kein Fundamentalist, sondern ein Fortschrittsrevisionist, ein Besinnungskonservativer." Mit Klimakatastrophen und massenmordenden Mikroben will der freundliche Typ, der uns auf 200 Seiten "Liebesblödigkeit" durch seine himmlisch skurrile Stadt-, Seelen- und vor allem Eros-Welten führt, nichts zu tun haben.

Kicher-Vergnügen und große Weisheit <P>Wer Wilhelm Genazinos Bücher "Ein Regenschirm für diesen Tag" und "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" geliebt hat, wird "Die Liebesblödigkeit" schon mit Ungeduld erwartet haben. Großes Kicher-Vergnügen ist garantiert, kombiniert mit stupender Intelligenz, ja Weisheit. Der Dichter hat sich zu einem Sokrates entwickelt, der seine Leser nicht durch Fragen zur Erkenntnis lotst, sondern durch die geniale Leichtigkeit seines Erzählens. Alles scheint ästhetisch absichtslos, ist grenzenlos undogmatisch und eben nicht kunst-naseweis. Erzählen als inneres Schlendern; und doch führt es immer zum Ziel. Womit es jedem Leser ermöglicht, stolz darauf zu sein, was er alles selbstständig analysiert hat, wie scharfsinnig er philosophieren kann. <BR><BR>Naturgemäß lässt sich über die Apokalypse prächtig grübeln, ist sie doch heftig von Symbolen aufgeladen. Genazinos Mann für den kleinen Weltuntergang bricht den mega-hehren Anspruch allerdings gleich herunter auf unseren Alltag. Das grandiose Dies-irae-Spektakel wird zur banalen Politik, zum normalen deutschen Gesellschaftszustand: schwarz sehen, schimpfen, g'scheit daherreden - und insgesamt gerade davon und damit gut leben. Auch Schockforschung schafft Arbeitsplätze.<BR><BR>Deswegen hat's der leicht melancholische Zivilisationsapokalyptiker auch nicht schwer, seine Seminare zu füllen, fasziniert sogar spontan eine Gruppe von Aktivsenioren. Probleme bereitet ihm hingegen seine private Doppelbeziehung. Eigentlich führt er zwei glückliche Fast-Ehen mit Sandra, zehn Jahre jünger als er und praktisch veranlagt, und Judith, gleichaltrig und als gescheiterte Konzertpianistin immer noch künstlerisch anregend. Nun schleicht sich aber das Alter an den Liebhaber heran, nicht nur in Form von Krampfadern, sondern auch in Form von Beischlaf-Irritationen. Mann und Männlichkeit zeigen sich alarmiert. Und so stellt sich die Frage: Sollte man sich nicht für eine einzige Dame entscheiden? Aber für welche . . .<BR><BR>Während der Apokalyptiker diesen Konflikt samt Körper-Wehwehchen und eigener Übersensibilität auskostet - "Unglückseitelkeit" -, beobachtet er seine Umwelt mit Genazino'schem Wunderblick fürs Detail, erinnert er sich an Kindheit, einen alten Freund und die Ehe mit Bettina, trifft Bekannte, Unbekannte und Kinder (wunderbare Szenen), (er-)findet so schöne Worte wie "Liebesblödigkeit", "die irgendeine innere Unstillbarkeit" beschreiben. Schließlich hilft ihm der Panik-Forscher - keine Lachnummer, wie man dachte, sondern ein kluger Heiler - aus dem Dilemma: Man lernt, es einfach gelassen hinzunehmen.<BR><BR>Wieder ist Genazino ein phänomenaler Roman gelungen mit einer unglaublichen Fülle an Geschichten und Erkenntnissen. Welch bewunderns- und liebenswerte Könnerschaft.</P><P>Wilhelm Genazino: "Die Liebesblödigkeit". <BR>Carl Hanser Verlag, München, Wien, 203 Seiten; 17,90 Euro. Das Buch ist ab 5. Februar im Handel.<BR></P>

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