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Protestierten gegen ihre Ausladung bei der Echo-Verleihung im vergangenen März: die Musiker der Südtiroler Band Frei.Wild mit (v. li.) Jonas Notdurfter, Jochen Gargitter, Philipp Burger und Christian Fohrer.

Was macht ihre Musik aus?

Frei.Wild: Singen am Rande des Erlaubten

München - Die Bundesprüfstelle lehnt einen Indizierungsantrag gegen Frei.Wild ab. Die Texte der Band sind dennoch häufig hart an der Grenze. Was macht die Musik der Südtiroler aus?

Man könnte es kurz machen und sagen: Nein, die Band Frei.Wild aus Südtirol ist keine Neonazi-Combo. Und ja: Es gibt dennoch viele gute Gründe, sie herzlich unsympathisch zu finden. Aber angesichts der Kontroversen um die Gruppe und ihren unheimlichen Erfolg auch ohne Radiopräsenz greift das nicht weit genug. Gerade ist ein Antrag der thüringischen Landesregierung auf Indizierung eines Lieds der Frei.Wild-CD „Eines Tages“ von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien abgelehnt worden. Allerdings mit Bauchschmerzen. Zeilen wie „Jetzt liegst du am Boden, liegst in deinem Blut. Das Blut an meinen Fäusten, ich find, es steht mir gut“ aus dem Titel „Rache muss sein“ empfand das Gremium als grenzwertig. Aber die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, und Frei.Wild beherrschen die Kunst, stets am Rand des Erlaubten zu operieren. Das wiederum ist auch ein Merkmal der neuen Rechten: den letzten Gedanken nicht auszusprechen, sondern anzudeuten.

Musik von Frei.Wild ist bestenfalls Schrammel-Rock

Womit nicht gesagt ist, dass der Sänger und musikalische Kopf der Band, Philipp Burger, ein Rechtsradikaler ist. Er ist offenkundig ein zutiefst verbitterter Mensch, der in seinen Texten seinen Frust mit vage wabernden Bezügen zu Heimat, Stolz und Ehre vermengt. Zudem ist die Musik von Frei.Wild auch bei viel Wohlwollen bestenfalls Schrammel-Rock, den jede Garagenband hinbekommt. Und die Texte sind von derart grauenhafter Schlichtheit, dass man eine neue Dimension von Fremdschämen erlebt, wenn man sie sich bewusst durchliest. „Onkelz covern und unsre eignen Lieder schrein, wird wohl auch in fernster Zukunft das Größte für uns sein“, schreibt Burger zum Beispiel und nennt seine Idole: die ehemaligen Rechtsrocker Böhse Onkelz, deren Mitglieder inzwischen ebenfalls beteuern, sie seien brav. Die Onkelz haben übrigens gerade zwei Comeback-Konzerte am Hockenheimring angekündigt (wir berichteten).

Frei.Wild-Frontmann Burger, ein Ex-Skinhead, hat immer wieder betont, er sei heute gegen jede Form von Extremismus. Nun ist es so, dass tatsächlich jeder eine Chance auf das Lernen aus eigenen Fehlern hat. Das ist die Grundvoraussetzung für den zivilisatorischen Fortschritt. Die Sache ist nur: Bei Burger ist dieses Lernen nicht recht zu beobachten. Er verfolgt offenbar inzwischen keine bestimmte politische Agenda, macht sich aber zum Sprachrohr eines „Gegen alles“-Gefühls, in dem sich erfahrungsgemäß dann doch viele wiederfinden, die ein, sagen wir mal, zumindest undifferenziertes Weltbild haben.

Frei.Wild-Texte klingen oft nach Pubertätslyrik

Frei.Wild singen erstaunlich oft über eine undefinierbare Wut, über den Hass wegen Benachteiligung – ohne jedoch konkret zu werden. Das klingt oft nach Pubertätslyrik, nach Männern, die nicht mit sich im Reinen sind, die provozieren und gegen den Strom schwimmen wollen. Das wollten Rockmusiker natürlich immer, aber wenn man sich auf völkische Rhetorik einlässt und freihändig mit Begriffen wie „Heimat“ jongliert, bekommt das eine andere Qualität.

Bei Burger geht es konkret um die Identität der Südtiroler. Gerne suggeriert er deren Unterdrückung, Bevormundung durch Italien. Das wirkt grotesk, wenn man es mit den Problemen von Minderheiten vergleicht, die tatsächlich verfolgt und drangsaliert werden. Espresso trinken zu können und die Sprache Dantes in der Schule zu lernen, kann man beim besten Willen nicht als menschenunwürdig bezeichnen.

Frei.Wild sind keine Neonazis, aber eine ziemlich abstoßende Band

Fragwürdig ist der Tonfall, den Frei.Wild immer wieder, bewusst schwammig anstimmt, wenn es um Heimat geht und die „Anderen“, die Fremden. In einem Lied über ihre Heimatstadt Brixen heißt es etwa: „Doch ist heute vieles anders, vieles scheiße: Verkehr, Umweltverschmutzung, Bauten fremder Welten. Brixen, wir sind deine Kinder und passen auf dich auf.“ Klingt unverfänglich, aber was genau sind die „Bauten fremder Welten“? Und in „Heimat“ singt Burger „Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache“. Tradition und Sprache sind gut und schön, aber die Gleichsetzung von „Volk“ und „Heimat“ klingt schon sehr nach Blut und Boden. Mit Beispielen wie diesen könnte man lange weitermachen, aber man kann es abkürzen: Frei.Wild sind keine Neonazis, aber eine ziemlich abstoßende Band. Und vor allem: eine schlechte. Ihren Fans muss man keine radikale Gesinnung unterstellen. Schlechten Geschmack und zumindest Gedankenlosigkeit hingegen schon.

von Zoran Gojic

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