Fremde Figuren

- Als Georg Büchner sein Drama "Dantons Tod" schrieb, war er 21 Jahre alt. Er war jung, und er war radikal. Er verband Ideologie, Philosophie, Ironie und schuf daraus bissig engagierte Texte, denen man bis heute noch kein Alter anmerkt. Kein Wunder, dass er auch auf der Gastspielliste beim Festival "Radikal jung" im Münchner Volkstheater erscheint.

Philipp Preuss ist heute zehn Jahre älter als Büchner damals war, und seine Inszenierung von "Dantons Tod" wirkt erwachsen und ernst. Man merkt ihr an, dass Preuss, der am Mozarteum in Salzburg studierte, auch bildender Künstler ist: Hier flackern vielseitige ästhetische Bild- und Tonideen auf, hier werfen Projektionen ein viel schattiertes Licht auf den weißen Ring der politischen Machtkämpfe in der Mitte der Bühne. Blau-weiß-rot ziehen sich die Kreise auf der Plakette, die nicht nur Danton und seine Anhänger, sondern auch alle Zuschauer tragen - als wäre jeder Mensch als Teil der Revolution auch Ziel eines Schusses.<BR><BR>Das Publikum sitzt im Hufeisen um die sechs Darsteller des Schauspiels Frankfurt; es ist Ankläger wie Angeklagter, es setzt sich im hellen Leuchtstoffröhrenlicht gerade und sinkt dann erleichtert in die Dunkelheit zurück. Trotz der intimen Situation bleiben Preuss' Figuren Fremde. Michael Webers Danton ist ein kleiner wirrer, echauffierter Freiheitsfanatiker; ihn und seinen sanften Mitstreiter Camille umgeben nur die drei Geliebten Julie, Lucile und Marion; allen gegenüber steht Wilhelm Eilers' kraftvoll dunkler Robespierre.<BR><BR>Radikal hat Preuss den "Danton" gekürzt, nicht zuletzt auf ein Fünftel der Figuren. Seine Texte sind geschickt verschachtelt, die Ausstattung ist sparsam. Nur lässt seine Planung wenig Platz für die zahlreichen angespitzten Metaphern Büchners, die das Schwere auf das Leichte prallen lassen, das Herbe auf das Süße - für eine Revolution auch "zum Zeitvertreib, wie man Schach spielt". Solche Momente muss sich der Zuschauer schon selber suchen: aus einer Marseillaise frei nach Lennon/McCartneys "Revolution" etwa oder aus dem monotonen Knacken von drei Plattenspielern und 50 Erdnüssen.<BR><P>Nächste Festival-Vorstellungen: heute Friedrich Schillers "Don Karlos", morgen Marieluise Fleißers "Fegefeuer in Ingolstadt".</P><P><BR> </P>

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