In fremden Galaxien

Kugel-Installation im Haus der Kunst: - Mit zehn Jahren hatte sie ihre erste Halluzination. Yayoi Kusama, mittlerweile mit der allerhöchsten Kunstauszeichnung, dem Praemium Imperiale, vom Tenno geehrt, wurde 1929 in eine strenge, konservative Familie in Nagano hineingeboren. Die besondere geistige und seelische Konstitution der jungen Frau ging einher mit einer unvergleichlichen Befreiung aus den panzerartigen Konventionen.

Ohne Panzer stieg jedoch die Schutzlosigkeit ­ jetzt im New York der 60er-Jahre ­ ins Extreme. Ergebnis: überschäumende Schöpfer-Lust, dann Anfang der 70er-Jahre der Zusammenbruch. 1977 fand Kusama in einer psychiatrischen Klinik ihre Zufluchtsstätte, die sie bis heute nicht mehr aufgegeben hat. In den 90er-Jahren kam der internationale Durchbruch, als sie 1993 den Pavillon Japans auf der Biennale von Venedig ausgestalten durfte.

Plastikfolie gegen Marmor

Chris Dercon, Chef des Münchner Hauses der Kunst, hat über die Produktions-Galerie Le Consortium aus Dijon eine Installation bei der Künstlerin in Auftrag gegeben. Ort: die ehemalige "Ehrenhalle" des Gebäudes, in dem Hitler der "deutschen" Kunst huldigte. Da Yayoi Kusamas Vater Faschist war, ist ihr das Stigma dieses Platzes wohl bewusst. Unter dem Motto "Dots Obsession ­ Love Transformed into Dots" drängt sie mit einer gigantischen Installation aus mächtigen Ballons unterschiedlichen Umfangs die alte Architektur gewissermaßen an die Wand. Das bauliche Pathos schlappt, bedrängt durch pinkfarbene, schwarz bepunktete Kugeln, so zusammen wie Ballons, wenn ihnen die Luft entweicht.

Das Runde, Leichte, sich im Hauch Bewegende, das Luftige, auf Zeit Eingebaute setzt Kusama gegen den rechten Winkel, das Eckige, Gerade, gegen Kubus -­ rosafarbene Plastikfolie gegen fleischroten Marmor. Dazu sieht und hört man Yayoi Kusama per Videofilm, in dem sie pink gewandet und mit Pink-Perücke ihr Lied "Manhattan Suicide Addict" singt. So verspielt, so fröhlich, so heiter die Installation auf den ersten Blick wirkt, so konsequent führt sie weiter, was das Lied andeutet: "Nimm die Antidepressiva, dann ist es weg/ Schlage die Tür der Sinnestäuschung ein/ Mitten in der Agonie der Blumen, aber jetzt ist es unendlich…" Denn in der Tat greifen die wuchernden Punkte, Kugeln und die Spiegelkabinette in ihrem Innern unser Raum-Bewusstsein an. Wir brauchen zur Orientierung klar definierte, gewissermaßen geschlossene Orte.

Großes Kinderprogramm

Kusama reißt sie mit ihrem All-over-System auf zu einem sich in alle Richtungen ausdehnenden All. Ihre Ballons erinnern natürlich an die leichten, bunten Wasserbälle der Kinder am Strand. In ihrer Riesenhaftigkeit haben sie aber auch etwas von Traumlandschaften, Welt-Räumen fremder Galaxien.

Auf diese Weise führt Yayoi Kusama Ewigkeit und Verletzlichkeit, heitere Dekoration und hohe Kunst zusammen. Ein Können, das aus jahrzehntelanger konzentrierter Arbeit mit Malerei, Happening, Environment, Körperbemalung, öffentlichen Aktionen bis hin zu eigenen Verkaufsstrategien entspringt. Noch heute verlässt die Künstlerin jeden Tag die Klinik, um in ihr benachbartes Atelier zu gehen. Dahin haben ihre Assistenten Zeichnungen, Fotos und Videos von der Situation im Haus der Kunst gebracht. Auf dieser Basis entwickelte Kusama ihr Konzept.

Da dieses nicht nur verblüfft, sondern auch Spaß macht -­ insbesondere wenn man etwa in den Spiegel-Iglu mit seiner Endlos-Täuschung eintaucht -­, bietet das Haus der Kunst ein großes Kinder- und Jugendprogramm an. Mancher Erwachsene würde angesichts der Zauber-Kugeln da wohl gerne mitmachen.

9.2.-6.5., Tel. 089/ 21 12 71 13, Kinderprogramm "Eine Landschaft ins Haus tragen": 089/ 21 12 71 18, kinder@hausderkunst.de

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