Fressattacken im Jammertal

- Man hat das ja heute nicht mehr so im zeitgenössischen Drama - das beispielhafte Einzelschicksal, durchgehende Handlung, runde Charaktere. Heute wird postmodern zersplittert und verzappt. Sibylle Berg, bisher eher als Roman-Autorin bekannt, lässt in ihrem letzte Saison in Bochum uraufgeführten Midlife-Krisen-Stück "Schau, da geht die Sonne unter - Spaß ab 40" - ganz ohne zentrale Hauptfigur - Kassiererinnen, Barmixer, Erfolgstypen mit Rolex, Rollstuhlfahrer, Prostituierte, Feuilletonisten, Rilke, Udo Jürgens, Autos, Gummibäume und Hitler-Hündchen Blondi kreuz und quer zu Worte kommen. Eine Regie- Herausforderung - und Dirk Engler war so mutig.

<P>Die Münchner inkunst-Halle 7 leer geräumt bis auf die geweißelten Wände. Nur eine Stuhlreihe rundum für die Zuschauer und, verstreut dazwischen, für die neun Darsteller - die sitzend oder auf die freie Fläche heraustretend gleich auch alle Schleusen für die Schmerzensbäche ihres existenziellen Jammertals öffnen. Man befindet sich also als Mitgemeinter sozusagen in einer Selbsthilfe-Gruppe. Vielleicht ja die einzige Möglichkeit, dieses Kaleidoskop aus (eigentlich romanhaften) monologischen Lebenszwischenbilanzen zu inszenieren . . . <BR><BR>Aber in dieser spartanischen fast rein verbalen Therapie-Session - szenisch schien der Regisseur eher blockiert - erschlägt einen die Häufung der Allgemeinplätze und Trostlos-Klischees: von der Fressattacke, faltigem Fleisch und künstlichem Darmausgang bis zur eingestandenen Talentlosigkeit, den tristen Solo-Wochenenden und dem Lover, der gerade Leine gezogen hat. Mehr Theater-Pep im zweiten, zeitgeistig-hippen Teil, in dem Sibylle Bergs Befindlichkeits-Träger nun Whirl-Pool-Besitzer, Slim-Fast-Anhänger und Möchtegern-Modells sind. Auf der zum Laufsteg verengten Spielfläche walken und talken sich die zehn Darsteller jetzt mit sarkastischem Flair die gängigen Lebenszweifel, Zukunftsängste und Dennoch-Sehnsüchte nach Liebe aus dem Leib.</P><P>22., 26. bis 29. 12., Karten 089/ 53 29 78 29.</P><P><BR> </P>

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