Freud ist an allem schuld

Sloterdijk liest am Montag in München: - Im Anfang ist bei Peter Sloterdijk der Zorn, am Ende die Aussicht auf eine "Weltkultur". Die Vision bleibt kryptisch. Zum Schluss seines Buches "Zorn und Zeit" rutscht der Philosophen-Promi in unverständlichen Jargon ab. So schreibt er von einem "Parallelogramm der elitären und egalitären Kräfte", durch das sich das "Abenteuer der Moral" vollziehe. Nun ja, immerhin nimmt er seine Leser davor mit auf ein recht prickelndes Gedanken-Abenteuer.

Sloterdijk beschreibt die Kulturgeschichte als Etappenrennen um erfolgreiches Zornmanagement. Dabei rehabilitiert er zunächst den Zorn als Element der "Thymotik". Den griechischen Begriff "thymós" übersetzt er als "Regungsherd des stolzen Selbst". Thymotik steht somit für Stolz, Mut, Beherztheit, Gerechtigkeitsgefühl und eben auch kämpferische, rächende Energien.

Sloterdijks Vorwurf an die das moderne Denken prägende Psychoanalyse: Sie missverstehe all diese Regungen, weil sie den Menschen allein von der Libido her erklären wolle, als Gefangenen seiner Triebe. Der Karlsruher Ästhetikprofessor steigert sich, ohne analytische Schärfe zu opfern, in einen herrlich bösen Furor. Leitbilder Freud‘schen Denkens stößt er vom Sockel: "Eine Galerie der Prototypen menschlicher Kläglichkeit ließe sich überzeugend mit Ödipus und Narziss beginnen." Narziss, "ein Jüngling mit grenzdebilen Zügen", und Vatermörder Ödipus: Die Wahl dieser beiden mythischen Modellpersonen lege ein Denken offen, das Menschen zu Patienten, also "Personen ohne Stolz", herabwürdige. Als roter Faden zieht sich die Frage durch den Band, wie es zu einem fundamentalen Wandel kommen konnte. Wie konnten Ödipus und Narziss den "Ilias"-Helden Achill, der nach Sloterdijk‘scher Homer-Deutung den heroischen Zorn der Antike verkörperte, als Leitbilder ablösen?

Die beiden zentralen Kapitel in seiner langen Geschichte der Zivilisierung des Zorns widmet der Autor dem Christentum und dem Kommunismus. Beide begreift er als "Zornbanken", in die die Kunden ihre Rachegelüste einzahlen -­ in der Hoffnung auf eine gigantische Ausschüttung in der Zukunft: Jüngstes Gericht oder Weltrevolution. Als säkulare Variante des Christentums erscheint der Kommunismus, der ein irdisches Paradies verspricht. Und mit der Idee des Fegefeuers blutigen Ernst macht: mit Säuberungen in Partei und Gesellschaft. Sloterdijk lässt keinen Zweifel daran, dass er beide Projekte für grandios gescheitert hält. Und doch deutet er sie als wichtige Etappen im zivilisatorischen Versuch, dem Zorn Zeit zu verschaffen.

Seine oft originellen Thesen bringt der Philosoph klar und provokant auf den Punkt. Seine Geschichtsphilosophie verquickt Großmeister wie Nietzsche mit zeitgenössischen Theoretikern wie Gunnar Heinsohn, der den islamistischen Terrorismus mit einem Überschuss an jungen Männern erklärt. Den Islamisten traut Sloterdijk nicht zu, die Kommunisten zu beerben: "Seine Führer können bisher nichts anderes als untechnische, romantische, wutgetönte Konzepte für die Welt von morgen formulieren." Die "Weltkultur" muss andere Agenten finden als zornige Mullahs.

Peter Sloterdijk: "Zorn und Zeit". Suhrkamp, Frankfurt, 356 Seiten, 22,80 Euro. Am Montag gibt es im Münchner Literaturhaus einen "Abend mit Peter Sloterdijk", 20 Uhr.

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