Freunde nach Maß

- Wer würde schon behaupten, dass Steuernzahlen glücklich macht. Die Französin Anna Gavalda (35) tut das: "Für mich ist das große Glück am Geldverdienen heute, dass ich mit meinen kleinen Armen und meinem kleinen Hirn zum Beispiel einem Kind die Schule mitfinanziere, die es sonst vielleicht nicht besuchen könnte."

<P>Anna Gavalda hat selbst zwei Kinder. Und was Arme und Hirn betrifft, untertreibt sie etwas. Seit ihrem ersten Erzählband 2002, dem der Roman "Ich habe sie geliebt" folgte, hat Gavalda weit über Frankreich hinaus immensen Erfolg. Und sie hat Ideale. Keine hehren, unerreichbaren. Sondern kleine, liebevolle, lebenspraktische. Das wird immer wieder deutlich im Gespräch mit ihr. Gerade hat sie in München ihr jüngstes, auf Deutsch erschienenes Buch "Zusammen ist man weniger allein" vorgestellt (Hanser Verlag). Weniger pathetisch lautet der Titel im Französischen: "Ensemble, c'est tout" - "Zusammen, das ist alles".<BR><BR>Gavalda beschreibt vier Personen, Mitte 20 die jüngste, über 80 die älteste, die eigentlich nur eines gemeinsam haben: dass sie sich allesamt am Boden befinden. Durch einen Zufall zieht die magersüchtige Camille in die Wohnung des völlig verklemmten Adelssprosses Philibert ein. Wo auch schon der plumpe Koch Franck haust, der seine pflegebedürftige Oma Paulette in die Wohngemeinschaft mitbringt. Am Ende geht es allen etwas besser.<BR><BR>Den "umgekehrten Dominoeffekt" nennt Gavalda das Motiv ihres beglückenden Buches und meint damit, dass der eine den anderen mit aus dem Dreck zieht. Ganz so drastisch hat sie das selbst nicht erlebt. Aber: "So ein Dominoeffekt findet ja täglich statt. Das ist Freundschaft. Sonst wäre das Leben ja traurig. Sartre sagte: ,Die Hölle, das sind die anderen. Aber das Paradies sind sie doch auch."<BR><BR>Trotzdem bewegt sich Gavalda in ihren Geschichten stets auf dem schmalen Grat zwischen Melancholie und Komik. Dass ihr das mit fast artistischer Leichtigkeit gelingt, ist vielleicht dieser grundlegenden Überzeugung zu verdanken: "Glück ist, dass Gott sehr gut die Mischung zu machen weiß aus Traurigkeit und Freude."<BR><BR>Die Generationen übergreifende Wohngemeinschaft in Gavaldas Roman erscheint wie eine Utopie: "Es handelt sich natürlich nicht auf politischer Ebene um ein Modell. Ich selbst habe viele alte Leute um mich herum und kümmere mich um sie. Und ich glaube, es gibt viele, die das tun. Es ist nicht die ganze Welt nur auf Konsum aus. Unsere Probleme heute sind so klein, dass es kaum Gelegenheit für Solidarität gibt."<BR><BR>"Die Welt wie ein Schwamm in sich aufsaugen."<BR>Anna Gavalda</P><P>Aber noch zu etwas anderem dient ihr die WG-Situation im Buch: "Mir gefällt die Idee, so verschiedene Leute am selben Ort zu versammeln und zu beobachten, wie sie sich verhalten. Dabei fühle ich mich wie ein Forscher im Labor", erzählt sie, die in dieser Hinsicht nie selbst das Versuchskaninchen war.<BR><BR>Gavalda ist eine gute Beobachterin: "Alles, was du siehst, fühlst, liebst, hasst, was dich klüger macht oder dümmer - alles ist geeignet, dir als Inspirationsquelle zu dienen. Schreiben erfordert die Fähigkeit, die Welt wie ein Schwamm in sich aufzusaugen." Und so werden Gavaldas Figuren zu "Freunden, die ich mir maßschneidere".<BR><BR>Weil sie stilistisch den Dialog liebt, denkt sie tatsächlich darüber nach, auch für das Theater oder das Kino zu schreiben: "Aber Theater ist schwierig. Ich habe zu viele mittelmäßige Stücke gesehen." Wenn sie einmal für die Bühne schreibe, dann müsse es schon "wundärbarr" sein, sagt sie, indem sie verschmitzt das deutsche Wort wie eine Kostbarkeit ausspricht.</P>

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