Ein freundlicher Kulturpolizist

- Zu Beginn der 60er-Jahre ist es ihm wohl schwindlig geworden. Denn eigentlich befürchtete der Dirigier-Eleve seinerzeit, er müsse nach der Wiener Ausbildung auf Arbeit warten. Doch dann prasselten die Engagements auf Zubin Mehta nieder. Das Orchester von Montreal holte ihn als Chef, nach Irritationen um Georg Solti lockte Los Angeles mit dem gleichen Posten.

Dazu gab's noch Gastspiel-Erfolge: Wenn also auf jemanden das Prädikat "Senkrechtstarter" passt, dann auf Mehta, der sich noch heute in seiner Autobiografie wundert, dass ihm "regelrecht alles in den Schoß gefallen war".

"Hinhören, zuhören und auf Erfahrungen von Musikern zurückgreifen."

Zubin Mehtas Rat an junge Dirigenten

"Die Partitur meines Lebens" ist dieses Buch betitelt, das rechtzeitig vor seinem 70. Geburtstag (29. April) erschienen ist. Ein staatstragender Titel, der weder zum Tonfall des Textes noch zum Dirigenten selbst passt. Denn der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper ist ja immer am amüsantesten, wenn er sich in Anekdoten verliert - Tiefschürfendes überlässt Zubin Mehta lieber Kollegen.

Dass er die Leidenschaft von Papa Mehli, die Plattensammlung, das Musizieren, sein Bombay Symphony Orchestra und das Bombay String Quartet als "Paradies" und "Lustgarten" beschreibt, passt also wunderbar. Dirigieren, so scheint's noch heute, wenn Zubin Mehta im Graben des Nationaltheaters auftaucht, ist für ihn in erster Linie Lustgewinn, nicht intellektuelle Auseinandersetzung. Eine Tatsache, die auch das Buch widerspiegelt: Mehta berichtet in jener charmanten Unverbindlichkeit, die manchmal auch aus seinen Interpretationen tönt.

Wo genau Zubin Mehtas Heimat liegt, das lässt er offen. Geboren wurde er 1936 im indischen Bombay. Die entscheidende Prägung erfuhr Mehta in Wien, als Schüler des legendären Dirigenten-Lehrers Hans Swarowsky. Den Wiener Stil, diesen unverwechselbar warmen, auch ein bisserl "g'schlamperten" Klang, sollte Mehta auch später von seinen Orchestern verlangen. Er zog nach Übersee, in Los Angeles hat er noch heute ein Haus. Doch Heimat, das bedeutet für ihn stets auch das künstlerische Umfeld, in dem er als Chefdirigent beschäftigt war und ist: Montreal, Los Angeles, New York, München und natürlich das Israel Philharmonic Orchestra, das Mehta auf Lebenszeit an sich band und zu dem er stets eilte, wenn sich der Nahost-Konflikt wieder einmal zuspitzte.

Dass Mehta seine vielen Engagements mehr aufzählend abarbeitet, ermüdet an diesem Buch irgendwann. Interessant wird es erst, wenn er einen der wenigen Blicke ins Privatleben gestattet. Wenn er - relativ knapp - von seiner Tochter und seinem Sohn aus erster Ehe berichtet, auch von einer Tochter, die er sich zwischen den beiden Ehen "gestattete". Oder wenn er von seinem unehelichen, heute 16-jährigen israelischen Sohn Ori erzählt, der in einem Kibbuz lebt: eine Affäre, die seine zweite Frau Nancy "unendlich" verletzt habe und für die er sich in diesem Buch nochmals entschuldigt.

Sanft, aber entschieden betont Zubin Mehta, dass auch er zum nahöstlichen Friedensprozess beitrage. Durch seine Tätigkeit fürs Israel Philharmonic Orchestra, auch durch Benefizaktionen. Wer will, mag da eine kleine Spitze gegen seinen langjährigen Freund Daniel Barenboim erkennen, der zurzeit ja das Alleinrecht auf den Titel Aussöhner zu haben scheint.

Sich selbst charakterisiert Mehta als "eine Art freundlichen Kulturpolizisten". Ein Dirigent dürfe keinesfalls seine Macht ausspielen. "Hinhören, zuhören und auf Erfahrungen von Musikern zurückgreifen", das wolle er künftigen Kollegen ans Herz legen.

Zur Oper, vor allem in leitender Funktion, ist Mehta spät gekommen. Karajan habe ihn für die Deutsche Oper Berlin begeistern wollen, aus Covent Garden in London gab es eine Anfrage, doch erst 1998 wagte sich Mehta ans Münchner Nationaltheater. An ein Haus, das ihm zuvor bereits August Everding angeboten habe. Ein Haus auch, in dem er am 29. April 70. Geburtstag feiert: mit einem (bereits ausverkauften) Konzert, bei dem ihm Daniel Barenboim als Solist zur Seite steht. Aufgeführt werden Beethovens fünftes Klavierkonzert und die fünfte Symphonie. Ein Programm, das laut Autobiografie beide schon einmal wählten: für das "Siegeskonzert" nach dem israelischen Sechstagekrieg.

Zubin Mehta: "Die Partitur meines Lebens. Erinnerungen". Droemer Verlag, München, 286 Seiten; 22,90 Euro.

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