Friede für Israel und Palästina

- Abraham B. Jehoschuas "Die befreite Braut" entstand in den etwas hoffnungsvolleren Jahren zwischen 1998 und 2001 vor dem großen Sperrzaun. Danach zwischen Palästinensern und Israelis kein Friede in Sicht. Mit Arafats Tod und Hoffnungsschimmer auf Neubeginn wird das nun auf Deutsch vorliegende Buch neu aktuell. Jehoschua, engagierter Verfechter einer Aussöhnung zwischen Juden und Arabern, vermittelt ein Gefühl für den zeitweise halbwegs normalen Alltag in dieser Konfliktregion.

<P>Im Zentrum steht, dem Autor biografisch verwandt, der Orientalist Jochanan Rivlin, beruflich an der Haifa-Universität positiv ausgelastet und auch noch erotisch aktiv verliebt in seine Frau, eine anerkannte Richterin. Nur sein ältester Sohn macht ihm Kummer: Ofer ist nach der plötzlichen Trennung von seiner immer noch geliebten Galia - die erste "Braut" des Romans - in abgekapselte Schweige-Trauer verfallen. Das geschiedene junge Paar verweigert jegliche Erklärung. Der Leser, gespannt auf den Fersen des detektivisch forschenden Rivlin bei seinem Versuch, das Geheimnis zu lüften, wird auf diese Weise subtil durch den breit angelegten jüdischen Familien-Roman geleitet, der letztlich gemeint ist als politischer Roman einer möglichen israelisch-palästinensischen Annäherung. </P><P>Bei Rivlin passiert sie vor allem durch Samaher, seine kluge arabische Studentin. Er ist mit Gattin auf ihrer Hochzeit eingeladen, weilt später bei ihr zu Hause wegen der Übersetzungen, die sie ihm für seine Algerien-Forschung macht, wundert sich jedoch, dass sie die Abgabe ihrer Diplomarbeit unter immer neuen Entschuldigungen hinauszögert: mal Krankheit der Großmutter, dann eigene Depression und eine nicht ganz eindeutige Schwangerschaft.</P><P>Also noch ein mysteriöser Fall und: noch eine "Braut". Während ihr Cousin Rasched, ein erfahrener Chauffeur, der den Professor auf seinen privaten Erkundungen und beruflichen Terminen herumkutschiert und geschickt die ständigen Grenzkontrollen passiert: Von Haifa nach Jerusalem oder nach Galiläa zu Samahers Dorf, wo der Jude Rivlin das Fasten und nächtliche Tafeln des Ramadan mitmacht, bekommt der Leser ein Bild dieses in durcheinander gewürfelte A-, B- und C-Zonen gestückelten Gebietes, in dem so viele Nationalitäten und Religionen aufeinander treffen. Und da schildert Jehoschua, was auch möglich ist. Friedfertige Gastfreundschaft und gegenseitiges Verständnis, höchstens getönt von selbstironischem Humor: "Wenn die Araber auch hier anfangen, die Nächte durchzufeiern, wer soll dann noch die Kraft haben, sich bei Tageslicht um uns zu kümmern?" sinniert Rivlin einmal neben dem Fahrer Rasched, metaphorisch ja auch Vermittler zwischen den Fronten. </P><P>Als Parabeln sind vor allem die Geschichten der beiden Bräute zu lesen. Samahers Beschwerden sind Abwehr-Symptome der elterlich arrangierten Ehe. Galia hat sich von Ofer scheiden lassen, weil er _ allerdings zu Recht - ihren Vater des Inzests mit ihrer Schwester bezichtigt. Erst als Samaher die erzwungene Partnerschaft akzeptiert, fallen die Krankheiten von ihr ab. Erst als Galia eingesteht, dass ihr Vater, also die eigene Seite, Schuld auf sich geladen hat, ist sie "befreit". Die direkte politische Nutzanwendung ist offensichtlich. </P>Abraham B. Jehoschua: "Die befreite Braut". Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Piper Verlag, München, 671 Seiten; 24,90 Euro.

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