Friedenstauben ins Licht schicken

München - Am Puls der Zeit und der Technik: Die gläsernen Werke der Mayer'schen Hofkunstanstalt in München.

1882 ernannte Prinzregent Luitpold die Werkstätten zur "Königlich Bayerischen Hofkunstanstalt". Zehn Jahre später adelte Papst Leo XIII. die Münchner als "Institut des Heiligen Apostolischen Stuhles". Die "Kunstanstalt für kirchliche Arbeiten" von Josef Gabriel Mayer und die Glasmalfirma seines Schwiegersohnes F.X. Zeitler beschäftigten bis Beginn des Ersten Weltkriegs bis zu 600 Mitarbeiter, obwohl seit der Förderung der Glasmalerei durch König Ludwig I. weitere elf Unternehmen um die Gunst buhlten.

So eine Tradition verpflichtet. Da stellt man sich heute den Chef des 160-jährigen Betriebes schon ein wenig altehrwürdig vor. Doch dann kommt Gabriel Mayer durch die Säle in der Seidlstraße - Jeans, Sakko, gelbe, gepunktete Krawatte - und verweist gleich auf seinen Sohn und Kompagnon Michael (Jahrgang 1967), grüßt nach links und rechts mit lockeren Sprüchen und stellt mit kleinen Handbewegungen und großer Begeisterung die Glasarbeiten vor, die überall den Geist der Innovation verbreiten. Und sofort wird klar: Wer in der nunmehr vierten und fünften Generation die "Mayer'sche Hofkunstanstalt" samt Zweigniederlassung in New York am Florieren halten will, der muss am Puls der Zeit, der Technik und der Kunst sein.

Überall in der GmbH für Glasmalerei und Mosaik sind edelste mundgeblasene Platten und Regale voller bunter Steinchen zu sehen. Riesige Räume für das Floatglas, der malerischen, flächigen Behandlung von Glas, zeugen von der Vorreiterrolle der Firma auf diesem Gebiet. An den bühnengroßen Tischen, an Wasserstrahlmaschinen, die das Glas schneiden, an Sandstrahlern, Brennöfen, Mega-Druckern, Computern und im Filmlabor arbeiten insgesamt 40 Mitarbeiter, die auch weltweit die Arbeiten installieren.

Nach Einbußen durch den Zweiten Weltkrieg, nach kunsthandwerklichen Krisen in den 70er- und 80er-Jahren haben sich die Münchner wieder als Partner der Künstler etabliert. "Unsere Arbeit wurde lange abgetan. Kunst am Bau wurde erst vor gut zehn Jahren wieder wichtiger. Dabei werden dadurch die Gebäude zu Museen nach außen." Mayer schwärmt.

Er schaut auf jene Passanten in Glaswänden, die er für Mario M. Muller für die Hochbahn in New York gestalten konnte und die in drei Lagen für immense Tiefenwirkung sorgen. Er schaut auf die Fotos der gläsernen Spitze der Pyramide of Peace in Astana (Kasachstan), die aus einem Dreiklang von Blau, Gelb und Weiß Friedenstauben ins Licht schickt. Brian Clarkes Werke sind dem Firmenchef enorm wichtig. "Dass wir solche Künstler kriegen, empfinde ich als etwas Besonderes. Dafür muss man gut sein."

Für Mayers Job muss man "selbst etwas von Kunst verstehen, den Künstler ernst nehmen und mit ihm um eine gute Gestaltung kämpfen". Eigene Firmenappartements ermöglichen es den Künstlern, die Umsetzung ihrer Arbeiten vor Ort mitzudirigieren. Georg Soanca-Pollak etwa war ein halbes Jahr lang in den vielen Stockwerken in der Seidlstraße unterwegs: Für den "Gang der Erinnerung" in der Münchner Synagoge sollten die Namen der ermordeten Münchner Juden als Erinnerungsschatten ins Glas übertragen werden. Jetzt scheinen sie aus der Tiefe zu kommen und wieder zu verblassen. Dafür wurden sechs Glasplatten unterschiedlich mattiert, satiniert, bemalt, die Namen darauf gedruckt und eine Woche lange in langsamen Vorgängen miteinander verschmolzen.

Auch mit Brian Clarke hat man monatelang für die Glaswand in der Lobby von Apax in London experimentiert: Jetzt ist die grünblaue Blütenwiese, die aus jedem Blickwinkel neu leuchtet, fast fertig.

Die Glasmalerei des Mittelalters ist da ganz anders: Perfekte Zeichnungen, farbige Entwürfe und der Schwarz-Weiß-Karton liefern die Vorlagen. Eingebrannte Konturen und geätzte Flächen werden mit Glasschmelzfarbe überzogen. Mühselig mit dem Pinsel wird die Farbe so weit wieder abgenommen, dass die Struktur sichtbar und lichtdurchlässig wird. Für die Münchner Lukaskirche rekonstruiert man so die im Krieg zerstörten Fenster. Welch ein Glück, dass Francis William Dixon damals schon in der Hofkunstanstalt arbeitete: Man fand hier noch alte Werkkartons, die jene Arbeit erst ermöglichen.

Früher waren noch Bildhauer bei Mayer unterwegs, seit 1925 wurden sie durch die Mosaikabteilung ersetzt. Die Entwürfe von Karl Knappe verhalfen den Münchnern ab den 50ern zu einer Vorreiterrolle. Spezialisten zerschlagen Steine, mörteln sie auf Tragnetze und verfugen sie, zerschneiden die Arbeiten, um sie mit unsichtbaren Nähten vor Ort wieder aufzukleben. Längst werden nicht mehr nur Glas und Stein verarbeitet: Bedruckte Fliesen und Edelmetall finden zu verblüffender Symbiose. Die Steigerung ist dann die Kombination von Alt und Neu, Glas und Mosaik. Alles aus einer Firmen- und Familienhand.

Arbeiten in München:

Mosaike: Buttermelcher-Kloster, St. Laurentius, Oberste Baubehörde, U-Bahn Odeonsplatz, 5 Höfe, St. Florian Riem.

Glasarbeiten: Flughafen-Terminals, Abfallwirtschaftsamt, HV Allianz, U-Bahnhof Josephsburg, Kabinettgarten, Hypo-Foyer Prannerstraße, Synagoge.

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