Friedhof der begrabenen Wünsche

- Es war einmal die Arbeit ein Mittel zum Zweck: Sie vereinnahmte die eine Hälfte des Lebens, damit man sich den Genuss der anderen leisten konnte. Das Unvermeidliche wurde inzwischen arbeitnehmerfreundlicher verpackt, heißt jetzt Selbstverwirklichung und ist mit einer Hypothek belastet: Weh' dem, der die Identifikation mit Lebens- und Arbeitsinhalt nicht schafft. Der darüber seine Identität verliert. Den Marktwert. Die Existenzberechtigung.

<P>Weh' dem, dem auffällt, dass das Funkloch im Zug endlich für Entspannung sorgt, das freie Wochenende aber für ein bedrohliches Zeitloch. Solch Verlorene sind die fünf Figuren in Gesine Danckwarts Midlife-Stück "Täglich Brot", das im Münchner Theater im Haus der Kunst Premiere hatte: Sie funktionieren - und reflektieren noch darüber. Wagen es, immerhin. Die 34-Jährige hat den diffusen Rollen verbale Versatzstücke verpasst, bunte Legosteine der Erlebnisgesellschaft, aus denen sie ihre Person formen, immer flexibel, immer um- und ausbaufähiges "Humankapital".</P><P>Und so verdichtet sich, was zunächst wie das "Karriere"-Ressort einer bekümmerten Frauenzeitschrift anmutet, zur Diagnose der Mittdreißiger-Krankheit: Angst. Die wurde, mit ähnlichen Mitteln, auch auf dem Theater, schon häufig gestellt. Daher ist es Hans-Ulrich Becker und seinen klugen Regie-Einfällen zu verdanken, dass sie in dieser Produktion des Staatsschauspiels doch noch gut unterhält. Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau hat den fünf Gemütskranken die Betten an die Wände gehängt - so dass die senkrecht Träumenden auf den Boden der Tatsachen hinabsteigen müssen, wollen sie den Tag beginnen.</P><P>Qualvolle Aufwachphase, für alle gleich: Weiße Wölkchen auf blauem Grund durchziehen die geschlossenen Portale des Theatersaales - formlose Lebensträume, längst durch Zwänge ersetzt. "Die EC-Karte mitgenommen, das Handy einstecken, noch mal am Herd versichert", begrüßen die fünf den Tag. Und sortieren sich nach Position und Ängsten in der Büro-Turnhallen-Wartesaal-Landschaft, in der eine Blumeninsel, eine Parkuhr, ein Raucherbiotop wachsen und Bürostühle mit kreuzförmigen Lehnen den Friedhof begrabener Wünsche bezeichnen: Auf den Bürostühlen thronen müde und selbstgerecht diejenigen, die sich der Arbeit ganz aufopfern - Bernd Gnann und Beatrix Doderer als Karrieristen. Die launische Servierkraft (Eva Gosciejewicz) steht freilich ihre acht Stunden auf eigenen Beinen durch.</P><P>Der hochbezahlte Ex-Arbeitslose, nuancenreich von Arnd Klawitter gespielt, formuliert die Angst, die sie alle haben: später als Vorwurf vor dem Traumhaus eines anderen herumzustehen. "Zielorientiertheit ist bei uns kein Schimpfwort", droht er der werdenden Praktikantin. Lisa Wagner spielt virtuos diese Person und gibt ihr utopische Kraft. Ihr Leben ist noch Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, für die anderen ist die Arbeit Lebensbewältigungs-Maßnahme geworden. Becker zeigt den feinen Unterschied mit viel feinsinnigem Humor.<BR><BR></P>

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