Friedhof des Kuscheltiers

- Um 21.40 Uhr konnte Entwarnung gegeben werden. Kein Beben grummelte unterm Grünen Hügel, das Festspielhaus existierte ungeschändet weiter. Und die wütenden Pfiffe und Buhs (in die sich auch Begeisterung mischte) täuschten: Nicht mal ein Skandälchen war das, dem Bayreuths Premierengemeinde beiwohnte - das soll wirklich alles gewesen sein? Nach heftigem Aufrauschen im Medienwald? Nach eingeschalteten Anwälten, einem Regisseur, der vorübergehend in die Krankheit geflüchtet war, und einem Sänger, der nach der Generalprobe die Nerven verloren und tenoraler Wut Luft verschafft hatte?

<P>Nicht mal ein Skandälchen</P><P>Denn dies ist die Überraschung: Christoph Schlingensief, Schöpfer des neuen "Parsifal" und Gottseibeiuns der "Orthodoxen", nimmt das Werk ernster als viele Kollegen, ist tief eingetaucht in Wagners abgründige Gedankenwelten - konnte nur dummerweise nicht wieder herausfinden. Lange hat Schlingensief dazu im kollektiven Gedächtnis gekramt. Hat mit seinen Bühnenbildnern Daniel Angermayer und Thomas Goerge Symbole nicht nur des Christentums, sondern auch afrikanischer, jüdischer, asiatischer Herkunft zu Tage gefördert, sie freilich zu einer Überfülle vermengt, sodass viele schon nach dem ersten Akt verwirrt ins Freie taumelten, nach einem Religionswissenschaftler verlangten und sich fragten, ob denn eigentlich noch Musik dazu gespielt wurde.</P><P>Wurde, und was für welche. Wobei die Wiederkehr von Pierre Boulez nicht ohne Ironie ist: 1966, bei seinem ersten Bayreuther "Parsifal", bildete Boulez mit Bühnenentrümpeler Wieland Wagner ein Dreamteam. 38 Jahre später bekam er's nun mit einem Bühnenvermüller zu tun, dessen obsessive Erfindungen Bayreuth doch glatt in die Vorkriegszeit zurückkatapultieren. Gurnemanz begegnet uns als Mischung aus Rübezahl und Waldschrat, Parsifal als gülden gelockter Heiland und Kundry vielgestaltig als aufgebrezelte Robenträgerin oder schwarze Afrika-Frau. Auf der sich unermüdlich drehenden Scheibe türmt sich vom Wüstenzelt über die venezianische Fassade bis zum Hochsitz alles, was der Fundus hergab. Und überlagert wird das noch durch eine Auge und Sinn überfordernde Videokunst.</P><P>Robbe und Hase</P><P>Runen, Voodoo-Zeichen, aufgekleckste Texte, Eigenzitate aus Berliner Volksbühnen-Taten: Dass Schlingensief wenig von Personenregie versteht, sieht man. Sein "Parsifal" ist daher nicht erzählte Handlung, kein Theater, sondern eine vierstündige Kunst-Installation von oft ermüdendem Charme. Wichtig ist dem Kino-Verliebten die Totale, ein Heranzoomen der Personen, die Schärfung und Begründung der einzelnen Charaktere unterbleibt. Figuren als Bildbeilage _ verständlich, dass da ein Sänger ausrastet.</P><P>Immerhin, Schlingensief ist Tierfreund. Er zeigt Robben und immer wieder, als Reminiszenz an Beuys, Hasen. Zunächst lebend, auch projiziert, zum allerfeierlichsten Schluss dann Ortstermin auf dem Friedhof des Kuscheltiers: ein Leichnam, der im Zeitraffer verwest. Ein ähnlich "reiner Tor" ist Meister Lampe angeblich in der afrikanischen Mystik, der Festspiel-Chef nimmt's inzwischen mit Humor und spricht vom, ach ja, "Hasifal". </P><P>Den Abend rettet das Wunder im Graben. Natürlich ist Boulez schnell. Aber entscheidend ist: Nichts klingt verhetzt oder flüchtig. Mit bewundernswerter Souveränität und strukturellem Bewusstsein führt er das Festspielorchester und gibt der Musik alles, was sie braucht. Klangfinesse, Größe, enorme Prägnanz, feinste farbliche und dynamische Nuancierungen, eine stets pulsierende Dramatik und einen schwebenden, nie leichtgewichtigen Gestus. So selbstverständlich, so drucklos und doch voller Ernst tönt die Partitur fast nie. Wie hier die Gelassenheit des Alters mit ungebrochener jugendlicher Verve zusammenfällt, das berührte tief und begeisterte: Standing Ovations. </P><P>Sängerisch blieb der Abend Durchschnitt. Einzig Robert Holl (Gurnemanz) und Alexander Marco-Buhrmester (Amfortas) hatten Festspiel-Format. Holl überzeugte durch seine vokale Präsenz und Natürlichkeit, durch das Verbinden von liedhaftem Konversationston und klangvoller Wucht. Alexander Marco-Buhrmester war ein jugendlich-markanter Amfortas, einer, der darstellerisch eher unterfordert schien. Michelle de Young könnte eine ideale Dorabella sein, doch die lyrische Linie hilft bei der Kundry nur begrenzt. Ihr fehlte die dämonische, auch erotische Dimension dieser Rolle - klarer Fall von "zu leicht" besetzt. Endrik Wottrichs Parsifal: solide, mit notwendigem Tenor-Erz, aber auch seltsam gequetschter Tongebung und ungenauer Diktion. John Wegner als schwarzer Voodoo-Klingsor schien der Einzige, der restlos Freude am Konzept hatte und dies mit drastischem Charme auch auslebte. </P><P>Okkulte Visionen</P><P>Eine gescheiterte Aufführung also, die den Bayreuther Apparat fast überforderte, Licht- und Vorhangpannen bewiesen's. Eine Aufführung aber auch, deren Entwicklung sich lohnt. Denn die rätselhaften, okkulten Visionen, die Multikulti-Rituale legen doch mehr und Beunruhigenderes vom "Parsifal" frei als Ersatzgottesdienste - oder dünne Provokationen. Christoph Schlingensief macht den Zuschauer zum Titelhelden: "Weißt du, was du sahst?", wird Parsifal gefragt - worauf er mit den Schultern zuckt. Aber wir wissen ja: Am Ende (also nach fünf Bayreuther Spielzeiten?) packt er's doch.</P>

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