Zum Friedhof in den Südirak

- Auf der Ehrengästeliste der Frankfurter Buchmesse fehlt der Name des Exil-Irakers. Dennoch ist Najem Wali auf der Messe vertreten. Denn erstmals hat mit Carl Hanser ein großer deutscher Verlag ein Werk des Erzählers ins Deutsche übertragen und den Roman "Die Reise nach Tell al-Lahm" rechtzeitig zur Buchmesse auf den Markt gebracht.

Der 1980 zu Beginn des iranisch-irakischen Kriegs nach Deutschland geflohene Wali widmet sich den Verwerfungen, die Krieg und Diktatur unter Saddam Hussein bei den Menschen in seiner Heimat angerichtet haben. In der Ich-Form erzählt er von dem Kriegsheimkehrer Najem, dessen Nachbarin Ma'ali ihm eröffnet, dass seine Frau mit ihrem Mann durchgebrannt ist.<BR><BR>Ma'ali überredet Najem zu einer Reise quer durch den Irak bis nach Tell al-Lahm - einem einstigen Friedhof im Südirak, auf dem Fremde und uneheliche Kinder begraben wurden. Nach und nach enthüllt der Autor die wilde Lebensgeschichte seiner Figuren.<BR><BR>Er erzählt von Ma'ali, die von der berühmtesten Puffmutter des Landes zu ihrer Nachfolgerin auserkoren wird; von Wadschiha, die im Palast des Diktators dolmetscht und zu viel weiß; oder von Ma/alis Ehemann, dem Palmenkletterer Asiyad Lutfi, der Wadschiha in offiziellem Auftrag liquidieren soll.<BR><BR>Wali wendet sich in seinem dritten Roman erneut seinem Steckenpferd zu, der Beschreibung von Randgruppen. Er beleuchtet eine Schattenseite arabischer Gesellschaften, die die Regime des Nahen Ostens mit konservativ-moralischem Anspruch lieber totschweigen und die den meisten Lesern im Westen kaum bekannt ist. Der Autor berichtet freizügig über Sex, Prostitution und Sehnsüchte der Menschen.<BR><BR>Doppelmoral entlarven<P>Walis Frauenbild unterscheidet sich dabei drastisch von dem in der gängigen arabischen Literatur. Seine weiblichen Figuren übernehmen in seinem Roman die führende Rolle, sind stark trotz sexueller Demütigung. "Sie sind viel besser als männliche Figuren in der Lage, die Doppelmoral in der Gesellschaft zu entlarven", erklärt Wali.<BR><BR>Walis "Tabubrüche" haben ihren Preis. Seine Romane sind in den meisten arabischen Ländern verboten. Er sieht sich zudem dem platten Pauschalvorwurf arabischer Zensurbehörden ausgesetzt, als "abtrünniger" Exil-Araber pro-westlich oder gar pro-jüdisch zu sein.</P><P>Najem Wali: "Die Reise nach Tell al-Lahm". <BR>Carl Hanser Verlag, München, 320 Seiten; 21, 50 Euro.<BR></P>

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