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Friedrich Ani hat eine neue Ermittlerfigur geschaffen, den Ruheständler Jakob Franck, Ex-Kriminalhauptkommissar.

Lektüre für den Urlaub

Der Restaurator

München - Mit seinem Krimi „Der namenlose Tag“ knüpft der Münchner Friedrich Ani an seine Tabor-Süden-Reihe an.

Irgendwann gegen Ende des Kriminalromans, als sich das Rätsel um den tragischen Tod der 17-jährigen Schülerin Esther Winther allmählich auflöst, sagt eine Nachbarin der Verstorbenen den entscheidenden Satz: „Manche Menschen wollen nicht erkannt werden; wir sitzen ihnen gegenüber und glauben, sie zu kennen, aber wir sehen nur das, was sie anhaben, und hören nur das, was sie sagen.“ Nicht erkennen, wie sich die Tochter verändert. Nicht verstehen, warum die Ehefrau immer häufiger schweigt. Wie ein Restaurator nähert sich Friedrich Ani im neuen Krimi „Der namenlose Tag“ seinen Figuren.

Behutsam legt Ani Schicht für Schicht frei, um die wahren Motive aufzudecken. Es ist nichts Spektakuläres, das Ani bei ehemaligen Mitschülern, Nachbarn und Verwandten der Verstorbenen ans Licht fördert. Doch es zeigt sich: Der äußere Schein trügt oftmals. Es geht um einen Fall, der 20 Jahre zurück liegt. Die Schülerin Esther Winther wurde tot in einem Park im Münchner Osten gefunden. Die Ermittler gehen von Selbstmord aus. Angeblich sei die 17-Jährige schwermütig gewesen, berichteten Mitschüler der Polizei. Die Akte wurde geschlossen, auch wenn es schon damals Zweifel gab.

Ludwig Winther, der Vater der Schülerin, will nicht an Selbstmord glauben. Der Tod der Tochter hat sein geordnetes Leben zerstört. Ein Jahr nach dem vermeintlichen Selbstmord brachte sich auch seine Frau um. Winther beauftragt Kriminalhauptkommissar Jakob Franck, der seit zwei Monaten im Ruhestand ist, den Fall neu aufzurollen.

Nach dem Vermisstenfahnder Tabor Süden, Hauptkommissar Polonius Fischer, dem erblindeten Kommissar Jonas Vogel und Südens Rückkehr setzt Ani mit Jakob Franck wieder auf einen neuen Ermittler. Tabor-Süden-Fans können allerdings beruhigt sein. Der Neue erinnert sehr stark an den Vermisstenfahnder. Auch Franck ist Einzelgänger, lebt allein am Stadtrand und meidet Menschen. Nachts spricht er mit den Toten aus seinen Mordermittlungen, die ihn nicht mehr loslassen.

Warum Friedrich Ani überhaupt eine neue Ermittler-Serie startet, bleibt im Verborgenen. Leise Zwischentöne, präzise Beobachtungen und Dialoge fast ohne Worte – diese Kombination machte die Tabor-Süden-Bücher zu etwas ganz Besonderen. Friedrich Ani überzeugt auch in „Der namenlose Tag“. Die Szene, in der Ani erzählt, wie Jakob Franck vor 20 Jahren Esthers Mutter die Todesnachricht überbrachte, wie er sie festhielt, stützte und zugleich spürte, wie ihn die Situation selbst umzuwerfen drohte – das lässt einen Gänsehaut bekommen. Und doch hat man gerade in dieser Szene Tabor Süden vor Augen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich der neue Ermittler aus dem Schatten seines Vorgängers befreit.

Steffen Habit

Friedrich Ani:

„Der namenlose Tag – Ein Fall für Jakob Franck“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 301 Seiten; 19,95 Euro.

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