"Friendly Alien": Kunsthaus Graz vor der Eröffnung

- Graz - Kunst-UFO, blaue Blase, Igel unterm Rasenmäher - die Beinamen, die Passanten dem neu entstehenden Kunsthaus Graz verpassen, sind zahlreich und nicht immer freundlich. Die Spötteleien spiegeln gleichermaßen Neugier und Skepsis der Menschen gegenüber dem spektakulären Bau, der künftig zeitgenössische Kunst in der steirischen Hauptstadt präsentieren wird.

<P>Am Wochenende wird das Museum in der Architektur von Colin Fournier und Robert Cook eröffnet. Die erste Ausstellung gibt es erst im Oktober.</P><P>Eine blau schimmernde Blase erhebt sich über einer gläsernen Basis. In der Dämmerung flackern Lichtspiele über die gewölbte Fassade. Wie ein Fremdkörper wirkt der Bau am rechten Ufer des Flusses Mur zwischen all den Barockbauten, historistischen Gebäuden und schmucklosen Nachkriegsbauten gegenüber der Altstadt. Als Fremdkörper ist er auch gedacht: "Friendly Alien" (Freundlicher Fremdling) nennen die Londoner Architekten den Entwurf, mit dem sie den 1999 ausgeschriebenen Wettbewerb um das Kunstprojekt zum Programm der Kulturhauptstadt Europas 2003 für sich entscheiden konnten.</P><P>Fournier und Cook, der 1960 die einflussreiche britische Architekten-Gruppe Archigram mit gegründet hatte, spielen mit der organischen Form des Gebäudes auf Utopien der 60er Jahre an. Das blasenförmige Gebilde mit den nach oben gerichteten, warzenförmigen Röhren erinnert tatsächlich an frühe Science-Fiction-Filme oder auch an biologische Strukturen, wie sie unter dem Mikroskop erscheinen. Lebendigkeit und Innovation sind für das Duo die Schlüsselbegriffe zum neuen Museumsbau: Ein "Haus des Abenteuers und der Überraschungen, das immer neue Blickwinkel und Perspektiven öffnet" sollte entstehen, beschreibt Fournier seine Arbeit. "Wir möchten die Menschen zum Lächeln bringen", fasst Cook zusammen.</P><P>In den letzten Monaten jedoch haben Korrekturen und Veränderungen am Bau weniger Lächeln als Kontroversen in Politik und Bevölkerung ausgelöst. Die transparent geplante Blase ist auf Wunsch der Kuratoren undurchsichtig geworden und von einer halb transparenten blauen zweiten Haut umgeben. Die Kuratoren hatten befürchtet, dass das einfallende direkte Licht die Exponate schädigen und die Sichtverhältnisse stören könnte. Prompt gab es Aufregung um den erwarteten "schwebenden Bunker". Zudem sorgte die Verteuerung des Projekts, das ursprünglich mit einem Budget von 38 Millionen Euro ausgestattet war und nun rund zwei Millionen Euro mehr verschlingen wird, für Unmut. Außerdem sind die Arbeiten wenige Tage vor dem Eröffnungstermin augenscheinlich noch nicht abgeschlossen.</P><P>Doch die Betreiber geben sich zuversichtlich, dass das neue Museum bald die Sympathien von Einwohnern und Besuchern gewinnen wird. Intendant Peter Pakesch, Leiter des steirischen Landesmuseums Joanneum, ist künftig für die Inhalte im Kunsthaus verantwortlich. Er will auf den zwei Ebenen in der Blase mit insgesamt rund 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche den Schwerpunkt auf Medienkunst, Fotografie, Design und Architektur legen. Dabei besitzt das Haus keine eigene Sammlung, sondern wird jährlich in Kooperation mit anderen Häusern drei bis vier Wechselausstellungen zeigen.</P><P>Wie das Gebäude, so zeigt sich auch das inhaltliche Konzept als eine Klammer zwischen einstigen Utopien und heutiger Machbarkeit. Als internationale Institution soll das Kunsthaus auch seine Lage im Südosten Österreichs kreativ nutzen und den Blick in Richtung Zagreb, Ljubljana und Venedig werfen. Damit greift Pakesch auf eine Initiative des in den 1960er Jahren entstandenen "Forum Stadtpark" zurück, das wichtige Impulse in der Diskussion um Gegenwartskunst setzte: Unter dem Titel "Trigon" wurde über den Eisernen Vorhang hinweg Kunst aus den Nachbarländern präsentiert.</P><P>Als zweiter Bewohner zieht die "Camera Austria" in das denkmalgeschützte Eiserne Haus ein, das die Front zur futuristischen Blase bildet. Die ebenfalls aus dem Forum Stadtpark hervorgegangene Institution unter Leitung von Christine Frisinghelli hat sich seit den späten 1970er Jahren in Ausstellungen und mit der gleichnamigen Zeitschrift als Forschungsinstitution etabliert. Sie thematisiert vor allem gesellschaftliche und medientheoretische Fragen in Zusammenhang mit Fotografie.</P><P>Nach der Eröffnungs-Schau mit japanischer Fotografie zeigt die Camera Austria von November an erstmals die dokumentarischen Aufnahmen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002) während des Kolonialkrieges in Algerien. Die erste Ausstellung im Haupthaus widmet sich unter dem Titel "Einbildung" vom 25. Oktober an der Wahrnehmung in der Kunst.</P><P>www.kunsthausgraz.at</P>

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