Der frische Atem der 100 Jahre

- Zum Spielen schön - das sind die neuen alten Münchner Kammerspiele und ihr zwischen Blauem Haus und Schauspielhaus errichtetes Werkstättengebäude. Ein eigentümliches Gefühl beschleicht einen ja schon, endlich wieder - wenn auch nur zu einem informativen Kurzbesuch - den Zuschauerraum betreten zu können. So vertraut und gleichsam doch fremd.

<P>War das Rot, war das Grün immer so leuchtend hell? Die blauen Stühle sehen nur so aus, als wären es die alten. Und das Jugendstilportal, die goldene Umrahmung der Bühne? Na ja, hier wurde ein bisschen ausführlich nachgebessert. Aber nur die Seiten, die aus Stuck und daher überempfindlich waren. Jetzt wurden neue eingezogen, bronzepatiniert und damit stabilisiert. Und sonst? War das früher wirklich genau so? Ja, es war so. </P><P>Nur strahlt nach dreijähriger Schließung alles im Glanz der Frische. Jede Rosette, jede Ranke, jedes Blatt erzählt von der Liebe, mit der die Maler hier den fernen Jugendstil nachempfunden haben: im rot-grün gehaltenen Zuschauerraum, im blau dominierten Garderobenbereich, im vergrößerten, in hellen ocker-orange Tönen einladenden Foyer. Wenn die Theaterleute ihr Haus auch noch nicht in Besitz genommen haben, atmet man hier dennoch jene Theaterluft all der legendären vergangenen hundert Jahre. Selbst die tollste Sanierung konnte sie dem 1901 von Richard Riemerschmid errichteten Bau nicht auspusten. <BR><BR>Gestern führte Baureferent Horst Haffner durch das fertig gestellte, renovierte und in wesentlichen Teilen neu gebaute Theater. "Die Arbeit der Handwerker steht kurz vor ihrem Abschluss, und zwar allen Widrigkeiten zum Trotz termingerecht", so der stolze Haffner. Die Attraktivität des Gesamtkomplexes Kammerspiele rückt denn auch allen vorangegangenen Ärger, rückt die gewaltige Kostenexplosion fast in den Hintergrund. Eröffnungsmatinee ist am 23., die erste Premiere, Shakespeares "Othello", am 29. März 2003. <BR><BR>Imponierend nicht nur die Schauseite des Theaters, also der Zuschauerbereich, der neben aller Restaurierungskunst auch mit einer modernen Klimatechnik ausgestattet ist. Faszinierend auch die Bühnentechnik. Geblieben ist die Bühnentiefe von circa 18 Metern. Geblieben sind auch die zwei hohen Portale der Rückwand, die in früheren Inszenierungen immer wieder wirksam mit einbezogen wurden. Allerdings sind sie jetzt gleich breit. Schwere, elektronisch zu bewegende Schiebetüren aus Eisen können die Tore, die vor allem dem Transport der Kulissen dienen, verschließen. Dahinter befindet sich - und das ist ganz neu errichtet - eine mit allen technischen Finessen und viel Lagerraum für Dekorationen versehene Hinterbühne. Sie ist zehn Meter tief und kann bei Bedarf bühnenbildmäßig "mitspielen". <BR><BR>Aber die Kammerspiele haben nicht nur in die Tiefe, sie haben sich auch nach oben wie nach unten ausgedehnt. 17 Meter hoch reicht der Bühnenhimmel (früher elf Meter), und fünf Galerien umrunden ihn. Unter der Bühne geht es gut drei Meter hinunter. <BR><BR>Nichts ist mehr von den maroden Wänden zu erkennen, nichts von der früheren Baufälligkeit zu ahnen. Die Wände wurden geschlitzt und mit Stahlkonstruktionen verstärkt. Die nächsten hundert Jahre wären gesichert. Jetzt muss nur noch das Geld reichen, um dieses Haus auch mit künstlerisch entsprechendem Inhalt zu füllen. Die arbeitstechnischen Voraussetzungen dafür sind jedenfalls gegeben. Die Werkstätten sind komfortabel in jenem zwischengestellten Neubau untergebracht. Im Erdgeschoss Schreinerei und Schlosserei, weiter oben die Tapeziererei, die Maskenbildnerei, die Damen- und Herrenschneiderei. . . <BR><BR>Der Clou des Neubaus aber ist der Malsaal im zweiten Stock. Ein beinahe futuristisch anmutender, 600 Quadratmeter großer Saal mit breiter Fensterfront gen Norden und künstlichem Oberlicht. Hier werden die großen Bühnenprospekte gemalt. Und eine Bodenklappe sorgt dafür, dass sie nach Fertigstellung unbeschädigt zur Paternoster-Lagerung heruntergelassen werden können. Begeisterung über diesen modernen Raum auch bei Intendant Frank Baumbauer, der - man sieht es ihm an - ihn am liebsten von seinen Schauspielern bespielen ließe. <BR></P> 

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