Das ist wie frischer Wind

München - Moskauer Gast in München: Bolschoi-Star Natalia Osipova über Crankos Stil, Reisen, Sport und Schauspielerei

Von Malve Gradinger

2007, Ballettwoche im Münchner Nationaltheater - und aus der berühmten Truppe des Moskauer Bolschoi Balletts strahlt eine zierliche Tänzerin heraus: Natalia Osipova, 20 Jahre jung und erst Halb-Solistin, tanzte in „Don Quijote“ die Kitri mit einer so elektrisierenden Technik, einem so feurigen Charisma, dass sie schlags zum Publikumsliebling wurde. Morgen und am 17. März ist sie das kratzbürstige Käthchen mit Staatsballett-Solist Lukás Slavick als Petrucchio in John Crankos Shakespeare-Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“.

Natalia Osipova, die man als charmant-quirlige Kitri in Erinnerung hat, wirkt privat überraschend ernst. Vielleicht ist es der harte Probentag, den sie hinter sich hat. „Die choreographische Sprache von Cranko ist wesentlich vielseitiger, als ich es von der Bolschoi-Tradition gewohnt bin“, sagt sie. „Seine Pas de deux sind knifflig - sollen trotzdem leicht aussehen. Und diese Leichtigkeit und Harmonie zu erreichen, ist schon schwierig für mich. Aber ich wollte unbedingt Cranko tanzen, weil man bei ihm vor allem auch Schauspielerin sein muss.“ Osipova, seit 2010 erste Solistin, weiß genau, wohin und was sie will. Jedenfalls weit mehr als Technik - die fällt ihr ohnehin leicht. Sie sucht die dramatische Herausforderung in Neuland, in solchen Balletten, die es (noch) nicht im Bolschoi-Repertoire gibt.

„Wenn ich meinen Arbeitsplan am Bolschoi für die Saison habe, schaue ich mich für die Vorstellungs-freien Zeiten nach interessanten Gastspielmöglichkeiten um. Wir haben ja jetzt Gott sei Dank, anders als in der alten UdSSR, die Chance, eigenständig zu reisen. Für ,Zähmung‘ habe ich selbst beim Staatsballett angefragt“, sagt sie freimütig. Seit ihrem Kitri-Debüt 2005 - eine ähnliche Sensation wie die Kitri der Bolschoi-Legende Olga Lepeschinskaja (in den 70ern mehrmals „Bosl“-Pädagogin) - erhält sie aber auch ständig Einladungen aus den großen Tanzmetropolen: Im Januar 2010 hat sie für das Ballett der Pariser Oper „Nussknacker“ getanzt, kurz danach an der Mailänder Scala „Don Quijote“, beides Versionen von Rudolf Nurejew, der für sie ein großes Vorbild ist. Dem illustren New Yorker American Ballet Theatre (ABT) hat sie sich als fester Gast verpflichtet. „Ich bin dem Bolschoi sehr dankbar, dass man mir die drei Monate beim ABT erlaubt: Ein anderes Repertoire, überhaupt auch die Atmosphäre von New York, das ist wie frischer Wind für mich.“ Mit dem Englischen hapert es noch. „Aber“, so Osipova, „das ABT ist sowieso halb russisch, angefangen von Chefchoreograph Alexej Ratmansky bis zu den Ballettmeistern und Tänzern.“

Mit Alexej Ratmansky besteht seit 2004, ihrem ersten Jahr im Bolschoi, eine künstlerische Verbindung. „Er wurde damals unser Direktor. Er war jung, kreativ und gab uns ganz jungen Tänzern gleich Solo-Partien. Den älteren Bolschoi-Solisten gefiel das natürlich nicht so.“ Gegen Ende seiner Bolschoi-Ballettdirektion hat Ratmansky den 1792, nach der Französischen Revolution spielenden Wainonen-Klassiker von 1932 „Flamme von Paris“ (DVD, siehe Kurzkritik) neu entworfen. Natalia Osipova tanzt(e) darin die Jeanne mit ihrer atemlos machenden funkelnden Technik-Bravour. „Bei den ,fouetté‘-Drehungen jeweils noch ein gesprungenes ,fouetté‘ einzuflechten, das war meine Idee“, lacht sie dann doch einmal. Wenn der freischaffende Ratmansky jetzt fürs Bolschoi „Verlorene Illusionen“ nach dem gleichnamigen Balzac-Roman kreiert, ist sie auch wieder dabei. Osipova ist, kann man sagen, Energie hoch drei. Und sicher auch eiserne Willenskraft. Wie sonst hätte sie in wenigen Jahren auch noch „Bayadère“, „Coppélia“, „Corsaire“, „La Sylphide“ und, und geschafft? Tanzhungrig ist diese 24-Jährige - mit Köpfchen, wie ihre Bemerkung „Für Schwanensee bin ich künstlerisch noch nicht bereit“ beweist. Immerhin hat sie Publikum und Presse, die in ihr die typische Bolschoi-Brio-Ballerina sahen, mit ihrer „Giselle“ überrascht. „Beim ABT tanze ich mehr die lyrischen Rollen“, untermauert sie ihre Absicht, sich nicht festlegen zu lassen.

Man ahnt, dass bei so zielbewusster Planung der künstlerischen Entwicklung ihre derzeitige Lehrerin Marina Kondratieva eine beratende Rolle spielt. Der ganz persönliche Ballett-Coach - ein Luxus, von dem hiesige Ballerinen nur träumen können. Und sicher sind auch Osipovas Eltern voll engagiert. Denn sie wollten, dass ihre Tochter auf jeden Fall „etwas Besonderes“ würde, wie Osipova erzählt. „Mein Vater ist Sportler. Mit fünf kam ich in eine Sportgymnastikschule. Als ich mich mit zehn am Rücken verletzte, brachten mich meine Eltern ins Ballett, merkwürdigerweise überzeugt, Ballett sei leichter“, muss sie in der Erinnerung schmunzeln. „Aber mich interessierte Ballett überhaupt nicht. Meisterschaften, Olympiade, von so was träumte ich.“ Als sie dann mit 14, 15 auch Drama-Unterricht hat, auch schon in Aufführungen der Moskauer Choreographischen Akademie Bühnenluft schnuppert, fängt sie doch Feuer. Der kleine Umweg hat sich doppelt gelohnt. Die Rückenverletzung heilte völlig aus. Und die Sportgymnastik hat ihren Körper ideal für die Anforderungen des Balletts vorbereitet. Und wenn in ihrer Bewegung gelegentlich eine sportliche Qualität einfließt, so macht sie das nur zu einer modernen Ballerina.

Wen wundert’s, dass sie - neben einem ganzen Sack voll Preisen - 2008 mit der Goldenen Maske als beste weibliche Tänzerin ausgezeichnet wurde. Da flog sie nämlich in „The Upper Room“ der jazzig-postmodernen US-Choreographin Twyla Tharp buchstäblich über die Bühne.

Auftritte

morgen und 17. März, Telefon 089/ 21 85 19 20.

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