Frivoler Etikettenschwindel

- Wie wohl Joseph Ratzinger damals reagiert hätte? Papst-Vorgänger Clemens XI. jedenfalls fand die Oper gottlos, lästerlich, lüstern und verbannte sie aus dem öffentlichen Leben. Mit dem Erfolg, dass die Komponisten genau dieselbe Musik wie vorher schrieben, sie nun aber, dank des biblischen Sujets, mit treuherzigem Augenaufschlag Oratorium nannten.

Cecilia Bartoli, die mit ihren Beratern nur zu gern in Musikarchiven stöbert, ist der beste Beweis für diesen "Etikettenschwindel". Auf ihrer CD "Opera Proibita" singt sie Szenen und Arien von Händel, Scarlatti und Caldara. Und dies so kess und frivol, so lüstern lockend und sinnlich-kantabel, dass Clemens' Miene wohl die Farbe seiner roten Schuhe angenommen hätte.

Zwei Temperamentsbündel haben hier gemeinsame Sache gemacht: Dirigent Marc Minkowski, der seine Musiciens du Louvre/ Grenoble selten aus dem oberen Drehzahlbereich entlässt, und die römische Mezzosopranistin, die mit diesen Trouvaillen ihrem barocken Leib- und Magenrepertoire treu bleibt. Furioses wechselt sich ab mit Intimem, versonnen, wie selbstvergessen singt die Bartoli etwa Scarlattis "Mentre io godo", wenige Minuten später brennt sie bei Händels "Un pensiero nemico di pace" ein Feuerwerk aus explodierenden Konsonanten und gestanzten Koloraturen ab. Einen Wettkampf mit der Trompete liefert sich la Bartoli in Scarlattis "Qui resta", um in Händels "Disseratevi, o porte d'Averno" dem Hörer Schwindelgefühle zu bescheren. Dass sie auf den CD-Fotos wie weiland Anita Ekberg im Trevi-Brunnen badet ("La dolce vita"), zeugt vom Humor der Bartoli: die selbstironische, emotionssatte Antwort auf die Netrebko.

Cecilia Bartoli: "Opera Proibita". Les Musiciens du Louvre/ Grenoble, Marc Minkowski (Decca).

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