Fröhlich bunte Revue

- Alles beginnt auf der Couch, beim Psychiater Pilatus, dem der unter Drogen stehende Edgar Allan Poe von seinen verqueren Träumen berichten darf. Verordnet wurde dem Dichter diese öffentliche Therapiesitzung von Komponist Frank Nimsgern und Texter Heinz Rudolf Kunze, deren Rock-Show "Poe - Pech und Schwefel" jetzt im Musical-Zelt auf dem Tollwood-Festival ihre Münchner Premiere erlebte.

Ein Spektakel, für das sich die beiden Autoren nicht allein bei Poes berühmten Schauergeschichten bedient haben. Herhalten musste auch wieder einmal die alte Geschichte von Faust und Mephisto, die diesmal unter den Namen Poe und Pilatus als Zwillinge kostümiert auftreten und wieder einmal ihren fatalen Pakt schließen dürfen. Das Geschäft lautet: unsterblicher Ruhm im Tausch gegen die Fantasie des Dichters, die sich als bunte Albtraum-Vision präsentiert und von bizarren Figuren bevölkert wird.

Engel und Versucher

So ganz scheint das Team Nimsgern/ Kunze dem guten Poe und seiner Fantasie dann aber eben doch nicht zu trauen. Denn zum eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Show wird bei ihnen zunehmend dessen Alter Ego Doktor Pilatus. Was auch an der äußerst präsenten Darstellung von Darius Merstein-MacLeod liegen mag, der sichtlich Spaß an seiner Rolle als teuflischer Spielmacher hat und ganz darin aufgeht. Neben ihm gelingt es vor allem Helena Hellqvist mit ihrem kurzen Auftritt als Madeline Eindruck zu hinterlassen. Eher blass bleiben dagegen Henrik Wager in der Titelrolle und Aino Laos als Virginia Usher, der hier, von der Regie weitgehend im Stich gelassen, die Rolle des rettenden Engels zugedacht ist.

Mit den von Marvin A. Smith rasant choreographierten Nummern, starken Lichteffekten, und sogar ein klein wenig nackter Haut bietet "Poe" einiges fürs Auge. Über die volle Distanz von zwei Stunden kann aber auch das nicht immer über den eher dünn geratenen Handlungsfaden hinwegtäuschen. Untermalt wird das Ganze mit gefälligen Popsongs, die man meist so oder so ähnlich schon einmal gehört zu haben glaubt. Wirklich im Ohr hängen bleibt davon leider trotzdem nur wenig.

Von Edgar Allan Poe stammt die Erkenntnis, dass alles auf der Welt schon einmal da war, und Kunst nur darin besteht, es so zu kombinieren, dass daraus etwas Neues entsteht. Als bunte Revue verfügt "Poe" über einigen Unterhaltungswert, aber gleich ein "Musical für eine neue Generation", wie Regisseur Christian von Götz meinte, das ist "Poe" nun eben doch nicht.

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