Der fromme Affekt des Jan Philipp Reemtsma

- Zunächst sah es ganz nach hausüblicher Umbesetzung aus. Aber ein Festredner, der mit defektem Privatflugzeug in Erfurt festhängt, der lässt sich eben nicht so leicht durch einen Ersatz-Tenor vertreten. Doch dank "meines legendären Vorzimmers", wie es Peter Jonas formulierte, wurde Jan Philipp Reemtsma, Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, mit minimaler Verspätung in den Gartensaal des Prinzregententheaters gebracht.

"Die Welt als Irrtum", der Titel seines Vortrags zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele, suggerierte Launisch-Philosophisches. Aber zunächst entpuppte sich Reemtsmas Rede als etwas langatmige, sehr opernkundige Auseinandersetzung mit Giuseppe Verdis "La forza del destino", der diesjährigen Eröffnungspremiere. "Durchaus nicht" sei hier etwas "zusammengeschustert" worden, wie Reemtsma möglichen Kritikern der kruden Geschichte entgegen hielt. Um sich dann ausführlich Begriffen wie "Schicksal", "Zufall" oder "Bestimmung" zu widmen. Wie viel einfacher sei es doch, so Reemtsma, von der Vorstellung eines "Verhängnisses" auszugehen, einer womöglich göttlich geplanten, nicht beeinflussbaren Gewalt: "Die Macht des Zufalls ist da ungleich zerstörerischer."

Gerade dieser "fromme Affekt", der auch in Verdis Oper auftauche, treibe viele in die Religion. Wobei man sich vom späten Augustinus kaum Hoffnung erwarten dürfe. Der ging sogar von der Vorbestimmung des Schlechten aus: "Sein Universum ist das eines sadistischen Despoten."

Von Augustinus bis Hume, von Goethe bis Schopenhauer: Auf seiner rasant vorgetragenen Schicksalstour ließ Reemtsma einen Wasserfall an Zitaten und Querverweisen auf die Zuhörer niedergehen, die anschließend ermattet in den Innenhof zur Erfrischung drängten. Das indes könnte auch am Wetter gelegen haben.

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