"Hände weg davon!"

Früherer Gasteig-Chef warnt vor Umbau der Philharmonie

  • schließen

München - Als Gründungschef des Gasteigs kennt Eckhard Heintz das Innenleben der Philharmonie wie seine Westentasche. Er warnt vor einer Entkernung.

Nicht in einer Reihe mit Berlin, New York oder Wien, nein, auf der Höhe von Prag, Warschau und Mailand rangiert München. Schöne Städte zweifellos, die aber bestenfalls Zweitligisten sind, was die Konzertsaal-Situation betrifft. Unter anderem zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die sich mit der Lage an der Isar und der geplanten Sanierung von Gasteig und Herkulessaal auseinandersetzt. Zum wiederholten Mal hat sich der Berliner Musikmanager Karsten Witt mit der Thematik befasst. Seine 19-seitige Expertise, die gestern veröffentlicht wurde, stellt unmissverständlich fest: Das Münchner Musikleben komme ohne einen neuen Saal nicht aus.

Überraschend ist das nicht, zumal die Studie auch vom Bayerischen Rundfunk in Auftrag gegeben wurde. Die Argumente sind weitgehend bekannt, die Präzisierung der zugrunde liegenden Fakten nicht unbedingt. Witt verdammt weniger die Gasteig-Akustik, er bescheinigt dem Kulturzentrum überdies einen großen Erfolg. Gerade das sei aber das Problem: In der Kern-Saison zwischen Oktober und Mai werde die Philharmonie für 186 Veranstaltungen gebucht, beim Herkulessaal seien es 131 Abende. Eine Zahl die „keinerlei Steigerungspotenzial“ erlaube – und dies bei immer größerer Terminnachfrage. Laut Witt sei es „nicht verantwortbar, sich auf ein Modell einzulassen, das eine Kapazitätserweiterung in der Zukunft unmöglich machen würde“.

Dass Münchner Philharmoniker und BR-Symphonieorchester beide Säle wechselseitig nutzen, für kleiner besetzte Programme also in den Herkulessaal ausweichen, dies hält Witt für realitätsfern. Wenn die Philharmoniker daran ein Interesse hätten, so konstatiert die Studie ironisch, dann hätten sie sich darum schon längst bemühen können. Witt rechnet vor, dass es in der laufenden Saison bei den Philharmonikern sieben dafür geeignete Programme gebe. Da die Platzkapazität des Herkulessaals aber viel kleiner als die der Philharmonie sei, hätte man die geplanten 19 Konzerte mit diesen Werken auf 30 Abende aufstocken müssen – ein erheblicher Kostenfaktor. „Es sind daher nicht in erster Linie akustische Unzulänglichkeiten der Philharmonie, die einen neuen Saal notwendig erscheinen lassen, sondern das mangelnde Raumvolumen des Herkulessaals.“

Eines der größten Probleme sieht die Studie in einer Schließung der Philharmonie für eine zweijährige Sanierungsphase. Ohne eine Ersatzspielstätte, so Witt, sei „nicht zu sehen, wie die Münchner Veranstalter inklusive der beiden großen Orchester diese Periode ohne nachhaltigen Schaden überstehen sollen“. Dass eine von der Stadt in Auftrag gegebene Untersuchung eine Ersatzspielstätte für 80 Millionen Euro vorsieht, lässt Witt nicht gelten: Besser wäre es, das Geld gleich in einen neuen Saal zu investieren.

Aber muss für für eine befriedigende Gasteig-Akustik unbedingt ein dreistelliger Millionenbetrag investiert werden? Karsten Witt meint nein. Für solche Maßnahmen, unter anderem mittels elektronischer Klangunterstützung, reichten 100 000 bis 2,5 Millionen Euro. Eine Meinung, die auch ein anderer Kulturmanager teilt: Eckard Heintz, Gründungschef des Gasteigs. Schon vor geraumer Zeit hat er Vorschläge zu einer geringfügigen Umgestaltung der Philharmonie gemacht. Was entscheidender ist: Heintz, der das Innenleben des Gasteigs genau kennt, warnt vor einer Entkernung. Für „äußerst fragwürdig“ halte er dies. „Hände weg davon! Abgesehen von der Verkleinerung des Saales kann ich mir diesen Eingriff aufgrund der dort verarbeiteten Baustoffe und der Architektur ohne explodierende Kosten nicht vorstellen.“ Auch Heintz befürchtet, dass ohne neuen Saal das Musikleben stagniert. „Die Entwicklung ruft eher nach mehr Spielmöglichkeiten.“

Was der frühere Gasteig-Geschäftsführer vermisst, ist eine „Diskussion mit objektiven Kennern der Materie, die nicht von irgendeinem Interesse getrieben sind“. Es gehe um rationale Argumente, nicht um eine Kampagne.

Die Kritik an der Philharmonie hält Heintz für übertrieben. Dass Dirigenten, Solisten und Orchester den Saal meiden würden, sei nicht wahr, dies habe gerade wieder das Gastspiel der Wiener Philharmoniker gezeigt. Ins Visier nimmt er dabei Star-Geigerin Anne-Sophie Mutter, die sich mehrfach mit deutlichen Worten in die Saal-Debatte eingeschaltet hat. „Man kann nicht einen Saal verdammen und am 7. März selbst darin spielen“, sagt Heintz. „Früher war ihre Kritik, wenn überhaupt, vor ihren Auftritten mir gegenüber viel moderater.“

Von Markus Thiel

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Zuschauer des BR-Fernsehens kennen Vivian Perkovic von den Sendungen „Jetzt mal ehrlich“, „Puls“ und „on3-Südwild“. Seit einem Jahr ist die 39-Jährige, die etwa auch …
„Kulturzeit will helfen, die Welt zu mögen“
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
„Zombie“ war der größte Hit der Band The Cranberries. Völlig überraschend ist Sängerin Dolores O’Riordan jetzt mit 46 Jahren gestorben. Unser Nachruf: 
Dolores O’Riordan – die Frau mit der Monsterstimme
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Wie ein normaler Arbeitstag bei den „Philis“ aussieht, verrät der Soloflötist Herman van Kogelenberg (38). Wir begleiteten ihn von der Probe am Samstag bis zum Konzert …
Unterwegs mit einem Flötisten der Münchner Philharmoniker
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben
Er ist der „Master of Puppets“ des deutschsprachigen Theaters. Jetzt hat Nikolaus Habjan fürs Münchner Residenztheater „Der Streit“ von Marivaux inszeniert. Lesen Sie …
Nikolaus Habjan lässt die Puppen lieben

Kommentare