Frühes und freches Meisterwerk: Leonardos Nelken-Madonna in der Alten Pinakothek

- Leonardo da Vinci erging es nicht anders als vielen Künstlern bis heute: Herbe Kritik begleitete seine Experimente. Dass ausgerechnet jene "Madonna mit der Nelke" (um 1475) für Unmut sorgte, mag heute wenig verständlich sein. Die Gottesmutter in Öl reicht dem Jesuskind auf ihrem Schoß eine Nelke, die Augen niedergeschlagen, ein bisschen die tragische Geschichte vorausahnend. Das dralle Kind auf ihrem Schoß, nackt, mit faltigem Babyspeck, greift verspielt nach der Blume, hält im letzten Moment inne.

Ein herrliches Bild für die bedeutungsschwangere Innigkeit zwischen Mutter und Kind, inszeniert in einem schummrigen Raum, dessen Bogenfenster den Ausblick auf eine Urgebirgslandschaft freigeben. Was ist daran denn nun unmöglich? Tja, das Kind ist für Renaissance-Verhältnisse zu hässlich und lebensnah, die Mutter zu modisch, die Anatomie nicht immer korrekt, und überhaupt verlor man angeblich ob der ganzen Detailgenauigkeit und "Geschmacklosigkeit der Draperiewülste" die religiöse Botschaft.

Leonardo (1452-1519) war damals 23 Jahre alt, nahm seit drei Jahren eigene Aufträge an, arbeitete aber immer noch in der Werkstatt seines Lehrers Andrea del Verrocchio. Warum er das umstrittene Bild malte, weiß man nicht genau. Auch nicht, wie es nach Deutschland kam. Klar ist nur, dass es im Nachlass einer Günzburger Frau auftauchte, allein wegen des Rahmens von einem Antiquar gekauft und ersvon dessen Hausarzt richtig geschätzt wurde. Es sollte das bisher einzige Gemälde Leonardos in einem deutschen Museum werden: Die Alte Pinakothek München widmet ihrem 1889 erworbenen Schmuckstück nun eine Sonderausstellung.

Gleichzeitig ist das frühe und freche Meisterwerk Gegenstand internationaler Forschungen und Teil der vom Europäischen Rat in vielen Ländern initiierten Bestrebungen, Schlaglichter auf Leonardos Schaffen zu werfen. Röntgenbild enthüllt Daumenabdruck "Und du sollst wissen, dass der Mensch nichts anderes ist als das Muster der Welt." So formulierte es Leonardo in seiner Mallehre. "Das Allerwichtigste, das sich in der Theorie der Malerei finden mag, sind die für die Seelenzustände eines jeden lebenden Wesens passlichen Bewegungen."

Erst naturgetreue Wiedergaben fangen das Innenleben ein, die Erhabenheit einer Figur betont Leonardo durch dunklen Hintergrund sowie Licht und Schatten. Diesen Regeln folgt er schon bei jener ersten Darstellung der Madonna mit Kind, ein Motiv, das dann seinen Lebensweg prägt. Und noch etwas kündigt sich formvollendet an: Das "sfumato", die weichen, "rauchigen" Konturen, die auch eines der Geheimnisse der Mona Lisa sind. Wie sehr der junge Maler an der Perspektive feilt, wie er -ganz gegen die Tradition -Unterzeichnung, Untermalung und farbige Ausführungen verschmilzt, das zeigen die Untersuchungen des Münchner Doerner-Institutes im Rahmen des Projektes "Wissensspeicher".

Die Röntgen- und Infrarotaufnahmen machen nicht nur die Arbeitsprozesse sichtbar, sondern auch einen Daumenabdruck als Kennzeichen einer innovativen Malerei mit Händen. Kein Wunder, dass Leonardo selbst bei der Zusammenmischung der Ölfarbe neue Wege beschritt, um emailhafte Brillanz zu erzeugen. Die Detailtreue freilich erarbeitete er sich mit Hilfe minutiöser Skizzen und Zeichnungen, die auch ausgestellt sind. Hinein in die Mode der Renaissance Den Willen zum Neuen hatte Leonardo bei Verrocchio mitbekommen, der mit monumentaler Körperlichkeit zu den Vorreitern der Florentiner Malerei zählte.

Schon zuvor hatte Filippo Lippi die Madonna heraus aus dem hehren Umfeld heraus und hinein in die Renaissance- Mode entführt. Wie sehr Leonardo diese und Verrochios Vorbilder veränderte, wie sehr er selbst dadurch Vorbild wurde, zeigen die Werke aus dem Florentiner Umfeld. Fra Bartolommeo, Pietro Perugino oder Lorenzo die Credi -sie beziehen sich noch auf Leonardo, als dieser längst Florenz verlassen hatte und sich in Mailand auf zu neuen Ufern machte.

Bis 3. Dezember, Katalog: 36 Euro. Tel. 089/ 23 80 50

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