Großalarm in Hamburg nach Explosion an S-Bahnhof

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Die Fülle des Bazars

- Kontrastprogramm im Deutschen Pavillon. Die Ausstellungen in den kleinen Galerien - zu finden in den lauschigen Giardini (Gärten) der Biennale von Venedig (15. Juni bis 2. November) - werden traditionsgemäß von der jeweiligen "Besitzer"-Nation verantwortet. Was auch immer sich die über allen Wassern der Lagune und der Weltkunstschau schwebenden Chefs - heuer Francesco Bonami - sonst noch so für den Zentralpavillon, das Arsenale-Gelände oder fürs Museo Correr ausdenken, für "unsere" eigene museale Stätte zählt, was sich Julian Heynen zurechtgelegt hat.

<P>Der Kurator, ansonsten für K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zuständig, will die Venedig-Besucher mit den schönen, klugen Fotoarbeiten von Candida Höfer (1944 geboren) und der frechen Vielfalt von Martin Kippenberger (1953-1997) locken.<BR><BR>Ungewöhnliche Kombination: eine Lebende und ein Toter. So kann Ihnen beim Konzept nur ein Künstler dreinreden . . .<BR><BR>Heynen : Es gibt nichts Schöneres, als mit Künstlern über Kunst zu reden. Ich habe in erster Linie zunächst eine bestimmte Auswahl an Arbeiten getroffen. Dann ist aber auch mir aufgefallen, dass Kippenberger tot ist . . . Der Tod ist jedoch in der Kunst nicht die letzte Zeitmarke: Die Kunst ist nach dem Tod ihres Schöpfers nicht einfach zu Ende. Kippenberger wurde außerdem bisher relativ wenig verstanden. Er wurde einseitig als Punk-Maler rezipiert. Sein Werk ist durchaus zeigenswert.<BR><BR>Sie sagen, er wurde nicht verstanden. Was ist Ihnen an ihm wichtig?<BR><BR>Heynen : Man darf ihn nicht als Genrekünstler, also zum Beispiel als "der Maler", einordnen. Er war einer, der seit Ende der 70er-Jahre konzeptionell vorging: Das Medium der Selbstdarstellung schien ihm dafür adäquat. Das Medium der Ironie und des Sarkasmus. Der "Bürgerschreck" suchte den spöttischen Umgang mit der Kunstwelt, er war aber auch sehr deutsch, ein romantischer Künstler.<BR><BR>Candida Höfers Fotografien vertreten hingegen eine klare, luzide Position.<BR><BR>Heynen : Als Hintergrundidee sehe ich bei beiden, und auch bei dieser Generation, das prekäre Verhältnis von Ort und Identität. Was verstehen wir unter "Raum"? Viel davon ist problematisch geworden: Migration, Internet . . . Kann der Körper noch Identität stiften? Bei Höfer gibt es nicht ein Raum-Thema, sondern eine Heterogenität von Orten. Bei Kippenberger spiegelt sich sein ortsunabhängiges Leben; seine Zeichnungen von Wohnungsgrundrissen wurden zum Beispiel auf Hotelbriefpapier gemacht. Er war immer auf Durchreise. Auch bei anderen Arbeiten taucht stets eine Orts-Metapher auf. Zentral ist die Frage: Wo bleiben die Orte für die Menschen und für die Kunst? Wo ist der Ort des Künstlers? <BR><BR>Sie sind sehr spät zum Pavillon-Kurator berufen worden. Wie haben Sie die Zeitknappheit bewältigt?<BR><BR>Heynen : Mit Erfahrung. Ich war schon vorgewarnt, weil ich auf der Vorschlagsliste stand. Mir war klar, dass in einem halben Jahr nicht mehr alles möglich ist. Da überlegt man schon, nimmst du das überhaupt an? Ich hatte jedoch schnell eine Idee, dann viel Glück und ein fantastisches Team - außerdem Gelder von der privaten Wirtschaft. <BR><BR>An der Biennale von Venedig wurde viel herumgekrittelt - zu großes Durcheinander, altbackenes Nationen-Denken.<BR><BR>Heynen : Die Biennale wird weiterleben, ob wir wollen oder nicht. Sie ist mit den Nationen-Pavillons ein restlos anachronistisches Unternehmen; vielleicht nicht für die jungen Länder, die dazustoßen und sich endlich präsentieren können. Die Biennale von Venedig ist eine Erfolgsstory, an der Staat und Stadt festhalten werden. Die Biennale ist ein Patchwork, ein Bazar, ein großes Angebot. Der zweite Teil (Arsenale) ist eine Klammer und im Wesentlichen kritischer Natur.<BR><BR>Bonami entwickelt "seinen" Ausstellungsteil nicht allein, wie es noch Vorgänger Harald Szeemann getan hat, sondern hat mehrere Kuratoren berufen. <BR><BR>Heynen : Bonami hat das Patchwork verlängert. Natürlich bietet die ungeheure Fülle auch eine ungeheure Freiheit. Das kommt dem postmodernen Gemüt entgegen. Versöhnt einen. Ich wünschte mir eine klarere Diskurs-Begleitung von den Venezianern. Nur in den ersten Tagen sind die Kuratoren da und können vieles erklären, dann ist damit Schluss. Es ist eine Frage der Vermittlung. Die wird eher vom Wetter und der Venedig-Atmosphäre übernommen.<BR><BR>Die letzte documenta zeigte sich sehr politisch-korrekt. Die Biennale war immer auch politisch - schon durch ihre über 100-jährige Geschichte und die einzelnen Staaten. <BR><BR>Heynen : Im ersten Fall war das Programm. In Venedig wird ganz Unterschiedliches zusammengeschmissen, dadurch wird die Biennale unbewusst politisch: Zum Beispiel gibt es Länder, die nicht in der Lage sind, Kunst zu bringen - oder wir sind nicht in der Lage, das als Kunst zu erkennen. Ein aufmerksamer Betrachter wird die Widersprüche sehen und nutzen.<BR></P><P> Das Gespräch führte  Simone Dattenberger<BR></P>

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