Fünf Fluchten

- Es ist doch merkwürdig, dass nicht nur diejenigen Personen eine Autobio-Grafie, ein geschriebenes Leben, verfassen, welche ihr Leben auch mit dem Schreiben zugebracht, aus Worten gebaut haben. Ein solcher Gedanke entsteht beim Lesen der Erinnerungen eines Journalisten, Kritikers, Autors, Dramaturgen, Dramatikers: Hellmuth Karasek. Auch dieser hat jetzt, 70-jährig, sein Leben zum schriftstellerischen Werk gemacht, zum vielstimmigen Roman eines "Autografen", dem die Verquickung mit der Silbe "bio" spürbar gefällt: Der in genauen Beschreibungen in einem Gewitter von Anekdoten über sein Leben erzählt, sich selbst mit lustvoller Bereitschaft und in illustrer Geschäftigkeit darstellt.

<P>In "Auf der Flucht" berichtet Karasek über das Aufwachsen in Brünn, Wien und Bielitz, in Schlesien und Sachsen, mitten im Krieg und auf Sichtweite mit Auschwitz. "Ich habe Glück gehabt, großes Glück, denn eigentlich habe ich den Stalinismus als Farce erlebt." Über das Aufwachsen in Tübingen, wo seine fünfte und letzte Flucht 1952 mit einem Geschichtsstudium endet. Doch das unruhige Leben bleibt bestehen: Innerhalb der öffentlichen Welt von Bühne, Zeitung, Rundfunk und Fernsehen arbeitet Karasek bei der "Stuttgarter Zeitung" und beim dortigen Theater, bei der "Zeit", beim "Spiegel" und "Tagesspiegel". In einer Zeit, da das Drama revoltiert, die Presse anbaut, das Radio experimentiert, die Quote noch nicht erfunden ist - welche später das "Literarische Quartett" mitbestimmt.<BR><BR>"Welche Augenblicke habe ich erlebt, wie ich sie erinnere?" Gründlich hat Karasek in seinem Gedächtnis recherchiert, um zum Chronist seiner Lebenszeit zu werden. Doch wie die meisten behält er sich die Fehlbarkeit des Erinnerungsvermögens vor. Stets weist er seinen Leser auf die zeitliche Distanz hin, sichert sich ab gegen die Verleumdungsklage der Vergangenheit.<BR><BR>"Von Kafka habe ich die Selbstachtung in der Selbstverachtung gelernt." Das besonders Eigene und eigentlich Besondere des Autobiografen Karasek aber ist es, wie er sein literarisches, dramatisches und filmisches Wissen einfließen lässt. Er spricht durch Tucholsky, Schnitzler, Brecht, malt aus mit Musil, Proust, Chaplin, charakterisiert mit Reed, Lenz, Shaw. Dazwischen immer Karl Kraus und Billy Wilder, Objekt seiner Biografie. Er liebe Nestroys "Dramaturgie des Zufalls" und sei mit Ende Zwanzig "Baloun" gerufen worden - so wie der Vielfraß aus Brechts "Schweyk".<BR></P><P>Hellmuth Karasek: "Auf der Flucht. Erinnerungen". Ullstein, 540 Seiten; 24 Euro.<BR>Der Autor ist heute Abend um 20.30 Uhr im Literaturhaus im Gespräch mit Tilman Spengler; Info: 089/ 29 19 34 27. <BR></P><P><BR> </P>

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