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Die "fünfte Gewalt"

Dieter Hildebrandt wird 80: - Er begann seine Karriere auf einer Brettlbühne in Schwabing - und entwickelte sich zum Gewissen der Republik. Heute feiert Dieter Hildebrandt seinen 80. Geburtstag.

Aller Anfang war schwer. Für den jungen, soeben durch die Schauspielprüfung gefallenen Dieter Hildebrandt galt es, sich neben Routiniers wie Ursula Herking und Klaus Havenstein und talentierten Darstellern wie Hans Jürgen Diedrich zu behaupten. Wenn damals, im Dezember 1956, nach der ersten Premiere der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, sein "Chef" Sammy Drechsel nicht "Det wird schon!" getröstet und an ihm festgehalten hätte - wer weiß, wie es mit dem hageren Mann mit den großen Zähnen und der großen Brille weitergegangen wäre. Denn er selbst war mit seiner Leistung nicht zufrieden.

So aber blieb Hildebrandt dabei - und avancierte zum bedeutendsten politischen Kabarettisten der Republik, dessen Name bis heute in einem Atemzug mit dem der Schwabinger Brettlbühne genannt wird, obwohl er schon 1972 aus dem Ensemble ausschied.

Dass sein Geburtstag seit 1949 auf den Verfassungstag fällt, ist eine vielsagende Koinzidenz, denn Hildebrandt versteht sich als einer, der - gewissermaßen als Vertreter einer "fünften Gewalt" - auf der Bühne und in seinen Büchern unermüdlich kritisch prüft, in welcher Verfassung das Land, sein Land ist. Politik und Gesellschaft, das (gestörte) Verhältnis zwischen Volk und Volksvertretern, zwischen Jung und Alt - Themen, die für ihn nie "erledigt" zu sein scheinen und für die es sich lohnt, die Stimme zu erheben.

So auch in seinem jüngsten, erst vor wenigen Tagen erschienenen Werk, "Nie wieder achtzig!" (Blessing Verlag, München, 240 Seiten, 19,95 Euro). Die (schmutzigen) Geschäfte der Waffenhändler und der Konzernbosse, die "furchtbaren Juristen", die "Ehrenworte" der Mächtigen und ihre eigenwillige Auslegung von Recht und Gesetz - Hildebrandt fungiert als personifiziertes Gedächtnis, als schlechtes Gewissen all derer, die so gerne vergessen und verdrängen. Er selbst hat - im Gegensatz zu einigen anderen - nichts vergessen, nicht die nationalsozialistische Diktatur und nicht die Not der Kriegs- und frühen Nachkriegsjahre.

Seine Familie aus dem Städtchen Bunzlau, nicht weit von Breslau im heutigen Polen gelegen, hatte alles verloren, als sie 1945 in der Oberpfalz einen Neuanfang wagte. Der vormalige Luftwaffenhelfer und Wehrmachtssoldat der letzten Tage des "Dritten Reichs" ging nach dem Abitur zum Studium nach München, jobbte als Platzanweiser in der "Kleinen Freiheit". So kam er mit der blühenden Kleinkunstszene in der Landeshauptstadt in Kontakt, und die neuen Freunde wie Drechsel und Klaus Peter Schreiner, viele Jahre Hausautor des Schwabinger "Ladens", erkannten sein Talent für die Satire.

So wurde Hildebrandt, als spielender (Co-)Autor, bald zum heimlichen Star des Lach- & Schieß-Ensembles, kultivierte seinen an Werner Finck geschulten, assoziativen Stotterstil. Das Fernsehen, das die Programme jeweils live übertrug, brachte zusätzliche Popularität. Und eine gefährliche Anziehungskraft auf die "da oben", von denen einige nichts lieber taten, als ihre Kritiker zu umarmen und ihnen damit die Hände zu binden. Auch das berühmteste Brettl Deutschlands tappte in diese Falle. "Die haben uns regelrecht niedergelächelt", konstatierte Hildebrandt nach einer Fernsehdiskussion mit führenden Unions-Politikern Mitte der Sechzigerjahre in Bonn. Dergleichen sollte ihm nie mehr passieren.

Fortan waren die Fronten klar, auch als der Spötter mit "Notizen aus der Provinz" 1973 im ZDF seine eigene Reihe bekam. "Es gab nach jeder Ausgabe Ärger", bilanzierte er später - und als der Mainzer Sender ihm 1980 eine Sendepause verordnete, wechselte er ins Erste, um dort für mehr als 20 Jahre mittels "Scheibenwischer" für klare Sicht auf die Politik zu sorgen. Und auch hier reagierte das überängstliche, eher der Regierung als der Freiheit der (Klein-)Kunst verpflichtete Bayerische Fernsehen die ersten Jahre gelegentlich panisch - und schaltete den "Scheibenwischer" ab.

Von der Kabarettbühne, namentlich der Lach- und Schießgesellschaft, hatte sich Hildebrandt natürlich auch in den Jahren nach 1972 nie ganz verabschiedet. Zwischen 1974 und 1982 bildete er mit seinem österreichischen Kollegen Werner Schneyder ein Duo, das sogar Auftritte in der damaligen DDR absolvierte. Noch heute geht der Kabarettist, der mit seiner zweiten Frau Renate Küster in München lebt, auf Lesereise. "Solange ich auf die Bühne raufgehen kann, werde ich auftreten", lautet seine Devise.

Und auch vor der Kamera wird man den Mann, der einst im gleißenden Licht der Scheinwerfer so an sich gezweifelt hatte, noch einmal zu sehen bekommen - als Fotograf Herbie Fried in einer Neuauflage von "Kir Royal". In einer Rolle also, in der der Meister des subversiven Wortes bewies, dass er durchaus Texte sprechen kann, die andere für ihn geschrieben haben. Auch wenn‘s schwerfällt.

> Fotostrecke zum 80. Geburtstag von Dieter Hildebrandt

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