"Fünfzehn Schnüre Geld": Gerechtigkeit der Gaukler

- "Die jungen Menschen verstehen kaum noch Spaß", klagt der Metzger. "Spaß" aber bedeutet in Chu Su-Chens Konqu-Oper "Die Geschichte der Gebrüder Hsiung" (um 1650) nichts weiter als das leichtfertig Dahergesagte: Der Metzger vertreibt seine Tochter, weil er scherzt, er habe sie für 15 Schnüre Geld als Sklavin verkauft.

Als man ihn kurz darauf tot und ohne das Geld auffindet, wird sie als seine Raubmörderin angeklagt. Ihr Schicksal ist ihr Begleiter, ein junger Handelsreisender, der ausgerechnet 15 Schnüre Geld bei sich trägt. Auch ihr Richter fällt im "Spaß" seine Urteile -­ und unschuldige Menschen. Nur durch das verantwortungsvolle Eingreifen eines Kollegen kann das Liebespaar gerettet werden und mit ihm die Gerechtigkeit.

Ob die "jungen Menschen" noch Spaß verstehen und welche Art Spaß sie überhaupt vertragen, das fragt man sich auch im Münchner Theater der Jugend in Peer Boysens Inszenierung von "Fünfzehn Schnüre Geld". Günther Weisenborn filterte vor 50 Jahren aus Chu Su-Chens Parabel auf die Unmenschlichkeit der Menschenmacht dieses Stück heraus. Da stehen zu Anfang zwei grün uniformierte Polizisten auf der Bühne und dialekteln lustig: "In einem jeden Menschen steckt a Mörder." Während Richter wie Volk auf die gerechte Seite wechseln, werden diese beiden immer noch nichts gelernt haben. Bedenklich, dies beflissen deutliche Bild vom tumben deutschen Polizisten. Zumal es in dem asiatisierenden Abend einen echten Fremdkörper darstellt.

Das chinesische Theater ist uns fern: Es spielt betörend wie belehrend mit Rollenfächern und Masken, mit Musik und Gesang, mit weisen, altüberlieferten Geschichten (so beruhen die "Fünfzehn Schnüre" auf Sagen des 12. Jahrhunderts) und einem hohen Grad an symbolgeladener Stilisierung. Boysen scheint darauf nicht verzichten zu wollen. Er sucht das europäische Pendant zu den Figuren und findet den Jahrmarkt, den Zirkus, den Pierrot sowie die wunderbaren Schauburg-Puppenspieler Panos Papageorgiou und Meisi von der Sonnau. Er denkt asiatische Einfachheit in seine Bühne und landet zwischen flatternden roten Vorhängen über einfachen Brettern.

Er nutzt die fantastisch fantasievollen Künste von Gerald "Greulix" Schrank, um mit Schlagzeug, Synthesizer, Xylophon, Nähmaschine eine ­ an manchen Stellen gar chinesisch trommelnde ­ musikalische Ausmalung der Geschichte zu erreichen. Und wenigstens optisch zeigt er zuweilen drastisch ein kreativ karikierendes Gesellschaftsbild ­ freilich nicht, wenn der gute und der schlechte Richter ausgerechnet im wichtigen Wahrheitsstreit regielos auf- und abpoltern.

Aber unterschätzt Boysen sein Publikum (ab 12 Jahren) nicht, wenn er der Parabel zum Schluss noch die Aktualität wie eine Henkersmütze überstülpt? Und überschätzt er es nicht zugleich, wenn er da als hirnbohrenden Epilog von Band die weltweiten Statistiken zu Strafvollzügen und Exekutionen Jugendlicher referieren lässt? Hätte Boysen diesem Publikum das Lachen nicht gerade selbst angewöhnt, er müsste ihm den "Spaß" jetzt nicht im Halse stecken lassen.

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