Zu Füßen der Ausstellungs-Riesen

- Von der diesjährigen Kunst-Biennale gab's bisher vor allem Negatives zu hören und zu lesen (z. B. an dieser Stelle). Ist auch das Konzept des neuen Chefs Francesco Bonami ganz und gar nicht aufgegangen, so muss betont werden: Ein Besuch lohnt sich dennoch. Man muss sich ja nicht unbedingt durch das voll gestopfte Arsenale-Gelände quälen. Ein Besuch der Nationen-Pavillons in den schönen Giardini bringt's auf alle Fälle - so unterschiedlich das Niveau in den einzelnen Galerie-Häuschen sein mag.

<P>Es ist nun mal spannend zu vergleichen, eigene Entdeckungen zu machen, Querverbindungen zu ziehen - und zum Beispiel zu konstatieren, dass Fred Wilsons (USA) läppisch-geschwätzige Ideen - inklusive Murano-Glas - zum schwarzen Mann/Rassismus eigentlich schlechter sind als Ahmed Nawars (Ägypten) redlicher, aber ziemlich hilfloser Versuch - weiße und schwarze Vögel - über den Frieden.<BR><BR>Neben den Giardini, die das traditionsreiche Biennale-Feeling, nie ohne Cafeteria-Besuch (!), bieten, ist auch ein Abstecher ins Museo Correr am Markusplatz zu empfehlen (Karten müssen nicht für die drei Ausstellungsorte en bloc gekauft werden). Dort hat Bonami am ehesten Glück. Mit seiner Schau "Malerei: Von Rauschenberg bis Murakami 1964-2003" bewegt er sich auf sicherem Gelände. Denn fast alle dort gezeigten Künstler sind bereits von der Kunstgeschichte kanonisiert worden. <BR><BR>Niemand wird den Stellenwert der Pop Art anzweifeln, mit der laut Bonami nicht nur für die Biennale, sondern überhaupt für die Kunstentwicklung eine scharfe Zäsur, die Gewichtsverlagerung von Europa in die USA, erfolgte. Streng chronologisch verfolgt man, Jahr für Jahr, wie sich Pop und Op Art, strengste optische Askese und Fotorealismus, Graffiti-Inspiriertes und Experimentierfreudiges nebeneinander bewegen. Spritzige Dialoge gelingen da, etwa zwischen Martin Kippenberger und Francesco Clemente über Fleisch- und Leiblichkeit oder zwischen Gino de Dominicis mächtigem blauen Denkerhaupt und Luc Tuymans' zartem Antlitz.<BR><BR>Ob Murakami mit fröhlich Buntem oder gar Kai Althoff mit langweiligem Polit-Mahngestus - beide Arbeiten von 2003 - allerdings noch in 40 Jahren zählen werden, ist fraglich. Aufreizend und nachdenkenswert hingegen Margherita Manzellis abgründiges Ölgemälde "Nottem" (2000). Traditionell gemalt ein hageres, fast noch kindliches Mädchen. Hockt an der Kante - eines Bassins? des Nichts? - oder gleitet schon hinab? Vieldeutig lächelnd und abstoßend zugleich ihr Blick. </P><P>Weitere Abstecher oder Zufallstreffer bieten sich in der gesamten Stadt, wo sich in diversen Palazzi oder Kirchen die Länder platziert haben, die in den Giardini keinen Pavillon besitzen. So ist der Preisträger Luxembourg in der Ca' del Duca untergebracht. Das Sieger-Video von Su-Mei Tse - Cellistin vor Felswand - könnte aber genauso gut von der Kroatin Ana Opalic (Museo Fortuny) kommen, fängt sie doch mindestens so feinfühlig Natur ein - und vor allem deren ureigenste Klänge. <BR><BR>Einen Besuch sollte man in Venedig jedoch keinesfalls dem Zufall überlassen. Zwar nicht richtig Biennale, aber als Biennale-"Extra" geführt: Ilya und Emilia Kabakovs Ausstellungs-Installation "Where Is Our Place?" in der Fondazione Querini Stampalia (bis 7. September). Zunächst ist "unser Platz" ganz klar: Man betritt eine normale Foto-Schau. Sittsam aufgereiht Schwarzweißaufnahmen aus der Sowjetunion samt poetischem Textteil, Reminiszenz und Reflexion, wie oft bei Kabakov gesehen. Einen Raum weiter trifft man plötzlich auf andere, seltsame Ausstellungsbesucher. Riesen sind es, von denen wir nur Schuhe und Beinkleider (19. Jahrhundert) bis zum Knie sehen, alles darüber ist schon durch die Decke gestoßen. Von "deren" Exponaten können wir nur das untere Eckchen Goldrahmen und Ölgemälde erhaschen. Als Besucher einer "echten" und einer "fiktiven" Schau entdeckt man schließlich noch unter dem Fußboden die fiktive echte Welt: Natur, Landschaft, Leute. Where is our place? Verunsicherung, egal; Hauptsache Humor und philosophischer Nähr- und Mehrwert.</P>

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