Funktionieren wie ein Uhrwerk

München - Im Münchner Lenbachhaus laufen zurzeit die Vorbereitungen auf die große Schau "Rupprecht Geiger ­ Retrospektive". Ein Besuch bei denen, die im Hintergrund für das Gelingen sorgen.

Jetzt säuseln die Akkuschrauber auf Hochtouren. Viele leuchtend farbige Grafiken von Rupprecht Geiger stehen noch am Boden. Bis zum 15. Dezember muss alles perfekt sein. Dann werden die ersten Besucher das 70-Jahre-Lebenswerk des 100-jährigen Münchner Malers (diese Zeitung ist Medienpartner der Schau) bewundern können.

Einige Werke verstecken sich noch in Klimakisten, erholen sich von der Reise, bevor sie ausgepackt werden. Ein hohes Gestell mit einem Lampenkopf wirft im Rücken des Technikers eine feine, exakt waagerechte Leuchtlinie an die Wand. Auf ihr müssen die Bohrlöcher für die Bildhaken sitzen. Trotzdem geht ohne Meterstab gar nichts. Schludrigkeit ist der Feind jeglicher Präsentation. Wie breit die Abstände, auch die zum nächsten Mauervorsprung, sein sollen, geben Klebezettel an der Wand vor. Denn ein Kollege hat schon in der Früh alles ausgemessen, sodass der aufhängende Techniker keine Zeit verliert.

Die Arbeit geht ruhig und konzentriert vor sich. "Wir funktionieren wie ein Uhrwerk", sagt Andreas Hofstett, Leiter des Technischen Betriebsdienstes, und lobt sein "herausragendes Team". Nur deswegen seien die acht Ausstellungen im Jahr zu schaffen, außerdem Projekte am Museumsplatz und im Kubus des Petuelparks. "Geiger ist eigentlich eine leichte Ausstellung", erklärt der Technik-Chef. "Auch körperlich leicht, und es ist ein vertrautes Metier", schließlich habe man schon viele Geiger-Expositionen mitgestaltet. "Es ist ein bisschen wie nachhause kommen."

Extreme Vorsicht ist bei den Gemälden und Objekten geboten, die nicht durch Rahmen und Glas geschützt sind. "Der Respekt vor den Kunstwerken darf nicht verloren gehen. Aber Angst darf man nicht haben, weil man so nichts mehr zuwege bringt. Wir achten darauf, dass wir beim Aufbau nicht zu lange weiterarbeiten. Jeder Kollege muss offen sagen können, wenn er erschöpft ist ­ denn dann wird es gefährlich", erklärt Hofstett.

Gelassenheit und höchste Konzentration auch im Dachgeschoss in der Restauratorenwerkstatt. Die Chefin Iris Winkelmeyer zeigt die verschiedenen Modelle aus Geigers Hand. Der gelernte Architekt hatte sie für seine Arbeiten im öffentlichen Raum angefertigt. 20 Jahre wurden sie nicht mehr gezeigt und in seinem Sollner Atelier nicht sonderlich pfleglich behandelt. Jetzt werden sie gereinigt, Retuschen werden vorgenommen, lose Teile verleimt oder gekittet, außerdem wurden die dazugehörenden Figuren nach Vorlagen ergänzt. Wie stets wurden alle Bilder der Ausstellung durchgesehen, wenn nötig gesäubert, mit Rückseitenschutz versorgt und restauratorisch betreut.

Dafür ist man im Lenbachhaus gut gewappnet, weil "wir alle Pigmente aus dem Atelier Geiger haben", sagt Winkelmeyer, "und wir durch eine Diplomarbeit seine Maltechnik ganz genau kennen" ­ einerseits. Andererseits "sind die Gemälde von Rupprecht Geiger extrem schwer zu restaurieren", erklärt Spezialistin Ulrike Fischer. Er habe nicht nur unterschiedliche Bindemittel benutzt, sondern auch möglichst wenig davon. Er will die Farbpigmente dünn, matt und pur auf dem Untergrund haben. Und die "pudern ab oder platzen wie trockene Erdkrusten ab", berichtet Fischer, "und alles, was man als Befestigungsmaterial aufbringt, sieht man sofort!". An bemalten Probestücken testet sie das beste Verfahren zur Sicherung der Pigmente und zur Ausbesserung der Fehlstellen. Fast nie müssen die Restauratorinnen aufgeben, aber manchmal beschließen sie nach einer gemeinsamen Besprechung, ein Bild in seinem hinfälligen Zustand zu belassen.

Und noch eine Besonderheit haben Geigers Farben. Was den Betrachter fasziniert, nämlich dass sie ihn körperlich packen, erschöpft nach einem langen Restauratorentag an einem roten Bild total: "Man sieht nur noch Grün."

Gerade die lebenslange konsequente Auseinandersetzung Geigers mit der Farbe begeistert Helmut Friedel, Direktor des Lenbachhauses. Bei der Ausstellung zum 90. von Geiger habe er ihm versprochen: "Zum 100. bekommst Du eine Retrospektive." Damit war das Konzept im Kern klar. Man wollte der Chronologie der Schaffens-Entwicklung folgen. Das bedeutet, Geiger "als klassischen Maler" zu zeigen und nicht nur als den Meister mächtiger, raumdominierender Werke/Installationen. Im Modell die Hängung vorwegzunehmen, davon hält Friedel nichts. "Das geschieht alles in meinem Kopf. Ich traue den Modellen nicht. Man täuscht sich in der Farbwirkung, oder ein Rahmen sieht letztlich ganz anders aus."

Dagegen war ihm Julia Geiger, die Enkelin von Rupprecht, eine unersetzliche Partnerin. Sie hat den Überblick über das Œuvre, nachdem sie die Werkkataloge für Gemälde sowie aktuell für Druckgrafik (Prestel Verlag) erstellt hat und für das Geiger-Archiv verantwortlich ist. Ohne jeglichen Konflikt sei die gemeinsame Arbeit verlaufen, lächelt die Französin mit dem bayerischen Opa. Ihr Wissen half, die richtigen Leihgaben zu finden und Gemälde, Grafiken und Collagen, die im Dialog stehen, nachbarschaftlich zu platzieren. Zwei Jahre fruchtbare Zusammenarbeit also, die in einer spannenden Kunst-Lebens-Schau münden wird.

15. Dezember bis 30. März, Tel. 089/ 23 33 20 00.

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