Furiose Seiltänze

- Noch beherrschen Baugerüste den Jakobsplatz. Doch bald schon wird hier das neue Jüdische Zentrum seine Pforten öffnen. Prominente Unterstützung für das Projekt gab es nun auch durch Anne- Sophie Mutter, die zu einem Benefizkonzert zugunsten des Zentrums in den Herkulessaal geladen hatte.

Gleichzeitig aber legte der Abend auch ein beredtes Zeugnis vom Erfolg ihrer eigenen Stiftung zur Förderung junger Musiker ab. Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen war hier nämlich genau genommen ein Konzert für vier Violinen. Hatte Mutter doch in jedem der drei Sätze einen anderen Partner zur Seite, von denen sich weder Mikhail Ovrutsky, noch Vilde Frang oder Wei Lu hinter dem Star des Abends verstecken musste.

Verfügt doch jeder der drei Stipendiaten nicht nur über das nötige technische Können, sondern ebenso über genug Solisten- Routine, um entspannt an die Sache heran zu gehen. Mutter pur gab es dafür bei "Vier Jahreszeiten", einem Werk, das die Geigerin einst noch mit Herbert von Karajan für Platte eingespielt hatte. Einen Dirigenten braucht es heute längst nicht mehr, denn das Orchester Jakobsplatz folgte auch so bereitwillig jedem Nicken seiner Solistin, während sie Vivaldis musikalische Kalenderblätter mit der ihr eigenen kühlen Eleganz gestaltete.

Zwischen furiosen Seiltänzen auf den Saiten ihres Instruments finden sich dabei aber auch Momente, in denen die reine Technik in den Hintergrund tritt und dem Gefühl freier Lauf gelassen wird. Dann, wenn Mutter ihre Geige sanft zu dämpfen weiß und die Musik frei atmen kann, entstehen plötzlich Augenblicke, in denen selbst dieses oft strapazierte Werk aufs neue ungestört seinen Zauber entfalten kann.

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