Furioser Start für Mozart 22

- "L'amerò, sarò costante" - ja, man glaubt es Aminta aufs Wort, dass er seine Elisa immer lieben wird. Denn die Musik lässt keinen Zweifel zu. So viel Innigkeit, so viel Wahrhaftigkeit des Gefühls steckt in dieser Arie, dass schon der junge Hirte mit jedem Ton zu einem jener Mozart-Menschen geadelt wird, wie man sie aus den späten Opern kennt.

"Il re pastore" ("Der König als Hirte"), die 1775 zu Ehren des durchreisenden Maria-Theresia-Sohnes Maximilian Franz komponierte, in der Salzburger Residenz uraufgeführte Opera seria, eröffnete am Dienstagabend in der Aula der Universität "Mozart 22", das ehrgeizige Jubiläumsprojekt der Festspiele, das alle 22 Bühnenwerke des Genies bündelt.

Mit diesem Start pusteten Thomas Hengelbrock und sein auf Originalinstrumenten musizierendes Balthasar-Neumann-Ensemble die Ohren frei (was nach dem Eröffnungskonzert auch nötig war) und verwöhnten sie mit einem plastischen, konturscharfen, farbig-lebendigen Mozart-Klang. Schon die Ouvertüre fegte mit einem solchen Furor hinein in den altehrwürdigen Saal, dass man das jugendliche Feuer ihres 19-jährigen Schöpfers spürte. Hengelbrock, der seine Top-Musiker temperamentvoll animierte, mied bei aller gestischen und dynamischen Akzentuierung jedes Zuviel, trieb auch die Tempi nicht in bizarre Extreme. Bei aller Vitalität atmete er mit den Sängern, ließ im Orchester-Nachklang ihre Gefühle sanft ausschwingen.

Spritzige Soprane, pfiffiges Ensemble

Pauken und Trompeten färbten Alessandros Arien herrschaftlich ein, und vier Hörner schärften die Verzweiflung des aufgebrachten Agenore. Die Solovioline in Amintas "L'amerò`" säuselte nicht Begleitung, sondern teilte mit ihr Hoffnung und Wonne, wobei ihr Spieler als Schatten der Sängerin auf der Bühne ganz nah rückte. Doch nicht nur in den Arien brechen sich das dramatische Temperament und die musikalische Fantasie des jungen Mozart Bahn. Er knackt die strenge Form der Da-capo-Arien in dieser späten Metastasio-Seria geschickt, variiert und belebt sie. Auch in den radikal gekürzten Rezitativen pulsierte das Leben, denn Nicolau de Figureido am Hammerklavier trennen Welten vom harmlosen "plim-plim".

Unter dem Motto "Heute: Re Pastore Probe" hat Dirigent Hengelbrock auch die Inszenierung übernommen. Mirella Weingarten baute ihm einen schwarz-weißen Guckkasten auf die Bühne, eingerahmt von hinter Vorhängen versteckter Requisitenkammer und Garderobe. Dort agieren die Sänger als Opernfiguren wie als Privatpersonen, wobei sich "echte" und Bühnen-Liebeleien offenbar nicht immer decken. Denn Alessandro, der König von Mazedonien, versucht als Bühnenarbeiter in roten Arbeitsklamotten bei Aminta, dem königlichen Hirten, gesungen von einer hübschen jungen Dame, sein Glück.

Kein Wunder, dass mancher im italienisch gesungenen, unbekannten Stück ob Hengelbrocks zusätzlichem Rollentausch den Faden verliert. Doch wen stört's? Liebeswirren und Lob der Natur werden so hinreißend besungen und mit so viel jugendfrischem Charme dargestellt, dass auch der Unkundige seine Freude hat - am hübsch stilisierten Hirten-Idyll mit rollendem Scherenschnitt-Prospekt wie an der zwanglosen Probensituation, bei der Alessandro im Mini-Streitwagen noch die Nase gepudert wird.

Fünf hohe Stimmen versammelt Mozart in seiner frühen Oper, in deren Festspielinszenierung besonders die drei Damen bezauberten: Annette Dasch mit warmem, fülligem, in weitem Legato, wie in der Koloratur stilvoll geführtem Sopran als vornehmer Aminta wie als Sängerin in Rock und Hemd. Marlis Petersen setzte sich mit glasklarem, bis in die Spitzentöne fein gerundetem Sopran und flirrenden Koloraturkaskaden ab und demaskierte die Elisa in ihrem Zornesausbruch, "Barbaro! oh Dio mi vedi", als Furie. Als dritte im Bunde ersang sich Arpiné´ Rahdjian (Tamiri) mit der dramatischen Durchschlagskraft und dem metallischen Glanz ihres üppigen Soprans wahres Prinzessinnen-Profil.

Den Alessandro, einen Vorboten Idomeneos oder Titus', spielte Kresimir Spicer als selbstverliebten, schwachen Herrscher und stattete ihn mit heldischem Aplomb aus. Leider klang sein Tenor arg offen, in den Koloraturen ungeschliffen. Andreas Karasiak wirkte zunächst in seinem verhaltenen stilsicheren Lyrismus zunächst etwas blass, legte aber in Agenores zweiter Arie gekonnt Farbe auf. Große Begeisterung nach Hengelbrocks charmantem, szenisch "improvisiertem", musikalisch furiosem Auftakt - jetzt nur noch "Mozart 21".

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