Futter für den Kunstmarkt

- Die Rückgabe des Kirchner-Gemäldes "Berliner Straßenszene" (1913) an die Erbin einer vom NS-Regime verfolgten jüdischen Familie muss nach Meinung von Kunstexperten noch einmal überprüft werden. Der Berliner Senat habe den "deutschen Museumsbesitz" durch sein "dilettantisches Handeln" dramatisch geschädigt, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten gemeinsamen Erklärung des Schweizer Ernst-Ludwig-Kirchner-Archivs, des Förderkreises des Berliner Brücke-Museums und des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach.

Der Restitutionsanspruch sei unbegründet.

Das Brücke-Museum, das im Frühling seine Werke in der Münchner Hypo-Kunsthalle präsentierte, hatte das Gemälde im Juli an die Erbin zurückgeben. Überraschend schnell, am 8. November, soll es zum Schätzpreis von umgerechnet 14 bis 19,5 Millionen Euro im New Yorker Auktionshaus Christie's versteigert werden. Laut "FAZ" hat Christie's "den Prozess der Rückgabe begleitet". Die Besitzgeschichte des 1980 für das Brücke-Museum erworbenen Bildes habe nichts mit der nationalsozialistischen Verfolgung zu tun, heißt es in dem Protestbrief. Zwei Jahre lang habe die von Thomas Flierl (Linkspartei) geleitete Kulturverwaltung im Geheimen über eine historisch und juristisch nicht nachvollziehbare Rückgabeforderung verhandelt. "Wir fordern, die daran Mitwirkenden zur politischen und rechtlichen Verantwortung zu ziehen."

Der jüdische Schuhfabrikant Alfred Hess aus Erfurt, einer der großen Sammler des deutschen Expressionismus, habe seit 1930 immer wieder Bilder verkauft, so der Offene Brief. 1933 habe die Familie wichtige Bilder in die Schweiz bringen können, darunter Kirchners "Berliner Straßenszene". Von Zürich aus hat die Witwe Thekla Hess immer wieder Gemälde veräußert. So habe sie auch 1936 die "Straßenszene" nach Deutschland zurückgeschickt, wo das Bild vom renommierten Kölner Kunstverein angeboten worden sei. Dort erwarb es der Sammler Carl Hagemann, ein langjähriger Freund Kirchners. Kirchner selbst habe Hagemann 1937 mit den Worten "Nun hat es doch in Deutschland seinen guten Platz gefunden" gratuliert. Hagemann habe damals 3000 Reichsmark gezahlt. Nach seinem Tod ging es an den damaligen Chef des Frankfurter Städel.

Das Bild sei vom Berliner Senat auf die "bloße, durch nichts bewiesene Behauptung hin" restituiert worden, dass die Witwe den Kaufpreis nicht erhalten habe. Es sei aber davon auszugehen, dass es dem international tätigen Industriellen Hagemann möglich gewesen sei, das Geld in die Hände der Familie Hess gelangen zu lassen, so die Protestierenden.

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