Gaben für hungrige Geister

- Tresore befinden sich ja immer tief im Untergrund von Banken. Auch das Design-Museum in der Münchner Pinakothek der Moderne hat sein Schatzkästchen ins zweite Kellergeschoss versenkt. Ab heute öffnet es sich als weitere Dauerausstellung den Besuchern, die modernen Schmuck aus Gold, Plastik oder Müll bestaunen können. Museumschef Florian Hufnagl hatte den kleinen halbrunden Raum, der sich an die Außenwand der Rotunde schmiegt, in den Eingeweiden des Gebäudes entdeckt - und als weiteren Präsentationsort durchgesetzt.

<P>Dieses Kreis-Stückchen nahm die üppige Sammlung der Danner-Stiftung auf, die schon lange nach einem geeigneten Standort dafür gesucht hatte. Die Ökonomieratswitwe Therese Danner (1861- 1934) hatte 1920 auf Anregung des Königlich Bayerischen Hofgoldschmieds Karl Rothmüller die Stiftung festgelegt. </P>Neues im Design-Museum<P>Seit Anfang der 80er-Jahre hat die Institution, die sich der Förderung des Kunsthandwerks verschrieben hatte, systematisch Autorenschmuck seit 1945 gekauft. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich Schmuck zu einer autonomen künstlerischen Ausdrucksform entwickelt. Keine unbedeutende Rolle spielten dabei die bayerischen Kunst-Akademien in München und Nürnberg. Die Grenzen zwischen Handwerk, Design und Bildhauerei oder Objektkunst lösten sich auf. Diese Geschichte erzählt die Danner-Sammlung nun in der nach ihr benannten Rotunde.<BR><BR>Wer will, kann also Minimalismus in Gemälden oder Plastiken aus dem Obergeschoss der dritten Pinakothek wiederfinden in Mario Pintons hoch geknicktem Gold-Quadrat (Halsreif, 1978) oder Andreas Treykorns filigraner Stahl-Brosche (1987). Knackig Buntes wie bei Pop Art oder jetzt angesagten Farb-Comic-Orgien korrespondiert zum Beispiel mit Svenja Johns bemalten und verschachteltem Kunststoff-Armschmuck (2000), aber auch mit Design-Exponaten in unmittelbarer Nachbarschaft. Schmuck wird weltweit nirgendwo in solch einen hochkarätigen Kontext eingebettet. </P><P>Und kaum ein neues Museum kann eine Schmucksammlung von diesem Niveau heute selbst aufbauen.So haben Danner-Stiftung und das Design-Haus zu einer perfekten Symbiose gefunden. Die sich zusätzlich in der Finanzierung der Gestaltung der Pretiosen-Schatulle ausgedrückt hat.<BR><BR>Die Architekten Gerhard Landau, Ludwig Kindelbacher sowie Projektleiterin Lene Jünger haben zurückhaltend agiert. Der Charakter des geschwungenen Raums steht im Vordergrund. Die Dezenz der Grautöne, elegant platzierte, schön ausgeleuchtete Wand- und Tischvitrinen, die zum Teil die Kreisbewegung aufnehmen, stellen sich ganz in den Dienst der Schmuckstücke. Diese machen viel Spaß, sind durchaus nicht nur etwas für Damen, die's zum Golde drängt (Kuratoren: Otto Künzli, Hermann Jünger). </P><P>Der Heimwerker wird sich über Bernhard Schobingers Halskette, ein zerbrochenes Sägeblatt, freuen; der Pommes-Mampfer über die Plastikstäbchen als Kettenanhänger; oder der Modellbauer über die Flugzeug-Broschen von Anton Cepka. Höchst gelungen ist auch die "Einführung" in die Schatztruhe mit einer Geschichte des Schmucks von griechischen Totendiademen bis Jugendstil-Kleinodien, von einer Herero-Kette bis zu Plastik-Schmuck für Chinas "Hungrige Geister", die beim Freigang aus der Unterwelt besänftigt werden müssen.</P>

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