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„Ich lasse mich garantiert nicht halb nackt fotografieren, bloß damit doppelt so viele Leute meine CDs kaufen“: Sol Gabetta spielt am Samstag Dvo(r)áks Cellokonzert.

Sol Gabetta: Die Wände zur Klassik einreißen

München - Sie ist einer der berühmtesten und beliebtesten Klassik-Stars: Cello-Virtuosin Sol Gabetta. Ein Interview:

Im Gespräch wirkt die 28-jährige Echo-Preisträgerin ebenso temperamentvoll und leidenschaftlich wie im Konzert. Die gebürtige Argentinierin spricht Deutsch mit charmantem Schweizer Akzent – kein Wunder, schließlich lebt sie mit ihrem Freund seit Jahren in der Nähe von Basel. Am morgigen Samstag spielt sie bei „Klassik am Odeonsplatz“ mit den Münchner Philharmonikern Dvo(r)áks Cellokonzert.

Sind Sie ein Fan von Open-Air-Konzerten?

Nein. Ich habe damit schon schreckliche Erfahrungen gemacht. In Holland habe ich einmal nachmittags an einem Seeufer gespielt. Das war zwar eine schöne Kulisse, aber eine akustische Katastrophe. Und die Sonne hat dermaßen auf uns draufgeknallt, dass sich alle Instrumente verstimmt haben. Seither bin ich bei Freilicht-Aufführungen extrem vorsichtig. Darum habe ich mich auch erst genau informiert, bevor ich „Klassik am Odeonsplatz“ zugesagt habe. Inzwischen weiß ich, auf welch hohem Niveau diese Veranstaltung stattfindet – und freue mich wahnsinnig darauf, zumal ich mit den Münchner Philharmonikern schon wunderbar zusammengearbeitet habe.

Glauben Sie, dass solche Veranstaltungen ein neues Publikum für klassische Musik begeistern?

Ja, absolut. Leider werden Kinder heutzutage in der Schule oder im Elternhaus viel zu wenig für Klassik geöffnet. Als Erwachsene haben sie dann eine Art Wand um sich herum, durch die die Strahlen der Musik nicht dringen können. Es geht also zunächst einmal darum, diese Wand einzureißen. Und das gelingt am besten, indem man die Menschen mit Virtuosität und einem grandiosen Orchesterklang überwältigt. Die Kraft von Dvo(r)áks Cellokonzert kann jeder spüren – auch derjenige, der keine musikalische Erziehung genossen hat.

Wie weit würden Sie gehen, um klassischer Musik eine größere Fangemeinde zu erschließen? Würden Sie Kuschelklassik-CDs aufnehmen, Klassik mit Pop mischen oder sich im nassen T-Shirt ablichten lassen?

Auf keinen Fall. Ich finde, das ist der völlig falsche Weg. Man muss klassische Musik nicht genauso vermarkten wie Pop. Und ich werde mich garantiert nicht halb nackt fotografieren lassen, bloß damit doppelt so viele Leute meine CDs kaufen.

Haben Sie Groupies?

Ja. Ein paar musikbegeisterte Menschen reisen mir tatsächlich fast überallhin nach, obwohl sie – soweit ich weiß – gar nicht besonders reich sind. Bewundernswert, wie sie ihr ganzes Leben der Musik widmen! Daneben gibt es aber auch ein paar schräge Vögel. Einer von ihnen hat jahrelang ernsthaft geglaubt, er hätte eine Beziehung mit mir. Ich mag zwar Menschen sehr gern und bin im Prinzip gegenüber allen sehr offen, aber wenn plötzlich ein Fremder vor meiner Haustür steht und verlangt, dass er jetzt endlich mal meine Eltern kennenlernen möchte, dann geht mir das doch zu weit.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien zu 95 Prozent ein positiver Mensch. Gibt es etwas, das Sie an Ihrem Charakter stört?

Ja, meine Ungeduld. Manchmal möchte ich innerhalb von zwölf Stunden Dinge schaffen, die andere vielleicht in einem Monat erledigen. Und ich werde furchtbar zappelig, wenn ich im Supermarkt lange warten muss. Dann denke ich: „Mach dich mal locker. Ist doch egal, ob du hier zehn Minuten länger bleibst.“ Es ist ja wirklich eine Sache der Einstellung: Wenn du dich nicht verrückt machst, bist du viel entspannter. Dein Herz klopft langsamer. Und du lebst wahrscheinlich länger!

Wie reagieren Sie, wenn Sie sich selbst im Radio hören?

Das ist mir eher unangenehm. Ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die sich gern im Spiegel anschauen. Wenn ich Aufnahmen von mir höre, entdecke ich plötzlich all meine Fehler. Das ist natürlich ganz heilsam und bringt einen weiter. Aber wer wird schon gern mit seinen Fehlern konfrontiert?

Was machen Sie, wenn jemand eine CD von Ihnen auflegt?

Dann fange ich an, ganz laut zu reden, damit ich die Musik nicht hören muss!

Wie sehen Ihre Träume aus?

Als ich jung war, wollte ich möglichst viele Konzerte spielen. Aber jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich die Zahl meiner Auftritte am liebsten reduzieren würde, um mehr Zeit für mich zu haben, um mich zu regenerieren und Neues zu entdecken. Die Welt bietet so viel Aufregendes, doch ich sehe oft nur Hotelzimmer und Konzertsäle. Man lebt nur einmal, und ich finde, jeder Tag sollte ein besonderes Erlebnis sein. Ich liebe meinen Beruf sehr. Aber es ist nicht leicht, die richtige Balance zu finden!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Odeonsplatz-Konzert am Samstag, 21 Uhr; Thomas Hengelbrock dirigiert die Münchner Philharmoniker; noch auf dem Programm: Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“; Karten unter Tel. 0180 / 54 81 81 81.

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