Am Gängelband der Geschichte

- Ein kaum gespieltes, fast vergessenes Stück: "Die Wände" ("Les paravents") von Jean Genet (1910-1986); 1959 geschrieben und 1961 von Hans Lietzau im Berliner Schlossparktheater uraufgeführt.

<P>Das Young Directors Project der Salzburger Festspiele holte jetzt das auf verschiedenen Realitätsebenen angesiedelte, poetische Märchenspiel zwischen Schein und Sein, Mythos und rauer Wirklichkeit, algerischer Dorfarmut und französischer Kolonialherrschaft ins Stadtkino. Das Gastspiel dieser französisch-japanischen Produktion inszenierte Frédéric Fisbach. Warum dieses fantastische Stück über Said, den ärmsten Sohn des Landes, der zum Verbrecher und Helden wird, über seine wilde Mutter und Leila, die hässlichste aller Bräute, seltenst gespielt wird, mag vor allem daran liegen, dass es mit seinen über hundert Rollen szenisch nur schwer zu realisieren und auch kaum überschaubar ist. Die Lösung, die Regisseur Fisbach nun dafür gefunden hat, ist ein interessantes Angebot und teilweise von faszinierender Theatralität und Lebendigkeit. </P><P><BR>Fisbach reduziert das Personal auf drei Schauspieler: Giuseppe Molino (Said), Laurence Mayor (Mutter), Benoit Résillot (Leila). Die weiteren Rollen - Huren, Soldaten, Gefängniswärter, Kolonialherren und die Toten, die Genet hier auch herumgeistern lässt - übernehmen sechs japanische Puppenspieler. Mit großer Meisterschaft und oft verblüffender Komik führen sie die anderen Figuren des Stücks als Marionetten am Gängelband der Geschichte. Und immer dann, wenn die Schauspieler mit den Puppen, die allerdings für eine Aufführung vor großem Publikum viel zu klein geraten sind, in direkten Dialog treten, sorgt dieser Kontrast für eine ganz besondere Poesie. </P><P><BR>Ansonsten aber darf nach vierstündigem Spiel festgestellt werden: Menschen sind ja doch die interessanteren Darsteller. Und das nicht nur, weil keine der Puppen gegen die wunderbare Laurence Mayor ankommt, die wie eine Mutter Courage mit so viel Humor, Kraft und Tempo und dabei mit restlos überzeugender Innerlichkeit über die Bühne fegt. Die Puppen haben auch das Nachsehen angesichts der beiden Synchronsprecher, die - an der Seite platziert - den Text der Marionetten übernehmen. Was Valérie Blanchon und Christophe Brault hier leisten, indem sie hundert Rollen zugleich Stimme und Ausdruck geben, ist fabelhaft. Natürlich alles auf Französisch. Der deutsche Text lief als Obertitel mit. <BR></P>

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