Was gärt, lebt

- Er ist Anthropologe und leitet ein Forschungslabor für sinnliche Wahrnehmung. Schon mit 15 stand er auf der Bühne und ist längst mehrfach ausgezeichneter internationaler Theatermacher - hauptsächlich aber ein jung gebliebener Jahrgang 1940, der das Leben als eine nie endende köstliche Fiesta versteht: der Kolumbianer Enrique Vargas, zum zweiten Mal Gast von Münchens Tollwood (16.6.-10.7.). Mit seinem Teatro de los Sentidos will er unsere zivilisations-stumpfen Sinne wieder wachkitzeln.

2002 erkundete man sein Erlebnis-Labyrinth "Oraculos" im Dunkeln und nackten Fußes. Jetzt bei seinem "La Memoria del Vino" ist sogar vorab gründlichste Fußreinigung angesagt: Zwecks Entsaftung muss der Zuschauer selber tüchtig auf die Trauben treten. (Theater-Insel, 19.6.-10.7.; der Vorverkauf hat begonnen: Tel. 0700 3838 50 24, www.tollwood.de, www.muenchenticket.de.) <BR><BR>Wein als Arbeitsthema?<BR><BR>Vargas: (lacht südländisch gemütlich) Das ist ein Vorwand, um mit Freunden ein gutes Glas zu trinken. Aber ich wollte auch den Geist des Weines aufspüren. Wein entsteht durch Gärung. Was gärt, lebt. Mit dem Wein trinken wir: Leben. Und dank des Weines, eben aus den kultisch rauschhaften Feiern von Dionysos entstand ja überhaupt das Theater.<BR><BR>Ihr "Oraculos" verfolgte das Weizenkorn bis zum Endprodukt Brötchen. Brot und Wein - eine christliche Anspielung? <BR><BR>Vargas: Nein, ganz und gar nicht. Ich will lediglich ein großes mediterranes Erntefest. Für 2007 ist wieder so ein Fest geplant, mit Oliven. Ich mag die Bayern ja auch so gerne, weil sie zu feiern verstehen. Bayern ist doch so etwas wie die äußerste Grenze des Mittelmeerraumes.<BR><BR>Woher kriegen Sie die nötigen Tonnen von Trauben? <BR><BR>Vargas: Aus Andalusien, Chile, Sizilien. Aber Mengen braucht's nicht. Reiz und Reichtum der Show ergeben sich aus der Geschichte und Bedeutung des Weines. <BR><BR>Sie sind Kolumbianer, leben aber seit langem in Spanien.<BR><BR>Vargas: Zum einen wegen der politischen Situation in Kolumbien. In den entfernt gelegenen indianischen Gebieten, wo ich geforscht habe, wurde es gefährlich. Die Regierung zwingt den Indianern ihre Pläne auf, fällt ihre Bäume, nimmt ihnen ihr Land weg. Hauptsächlich aber bin ich weg, weil ich überall auf der Welt, in Brasilien, Chile, Mexiko, Australien Anregungen für meine Arbeit suche. Barcelona ist jedoch unsere Basis. Die Stadt hat uns eine ehemalige Kaserne zur Verfügung gestellt. Dort erarbeiten wir unsere Stücke.<BR><BR>Offensichtlich nicht konventionell . . .<BR><BR>Vargas: Zu unserer Gruppe gehören meine Frau, meine Tochter Valentina, auch Anthropologin, außerdem Bildhauer, Therapeuten, Chemiker, Schreiner, Taxifahrer. Die sind oft unsere besten Darsteller. Die meisten akademisch ausgebildeten Schauspieler wollen ihre Technik herzeigen. Bei uns muss sie wieder "ent-lernt" werden. Eine Performance ist erst dann gut, wenn die Vorstellungskraft, die Poesie regiert und der Darsteller dahinter verschwindet. Ich selbst sehe mich auch nicht als Regisseur, sondern nur als Konstrukteur eines Spiels. Hinter jedem Spiel steckt auch ein Geheimnis. Und das versuche ich herauszufinden. Ich hoffe, es gelingt mir nie . . . Denn mit einer Antwort, einer konkreten Botschaft wäre das Spiel zu Ende. <P>Das Gespräch führte Malve Gradinger<BR><BR></P>

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