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Kostümstudie aus dem 19. Jahrhundert: Jennifer O’Loughlin als Amina (li.) und Maria Nazarova als Lisa (ganz re.) mit Gärtnerplatz-Chor.

Gärtnerplatz-Premiere

La sonnambula: Bellini, sorgsam zurechtgezupft

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München - „La sonnambula“ im Prinzregententheater bietet versiertes Regie-Handwerk und eine Partitur in Flammen. Die Premieren-Kritik.

Eine lebensrettende Sache hat dieses seltsame Mädchen ihren Belcantoschwestern ja voraus. Nicht tödlicher Wahnsinn, nicht die alle Umwelt und Probleme ausschließende Umnachtung ist das Ziel ihrer innerlichen Flucht, sondern die Nacht an sich. Wenn Amina, gerade entschlummert, aus den Federn und auf den First steigt, lebt sie ihr Außersichsein als gefährliches Traumtänzeln aus. Exakt ein Vierteljahrhundert vor der Geburt von Dr. Freud ist Vincenzo Bellini und seinem Textdichter Felice Romani eine im Grunde erschreckende Opernstudie geglückt, die locker in den Musterbüchern der Psychoanalyse Platz hätte.

Man kann „La sonnambula“ auch so inszenieren. Als dunkles Schicksal einer Ausgestoßenen, die letztlich Opfer ist einer alles wissenden und alles erschnüffelnden Dorfgesellschaft. Oder eben so, wie es jetzt gerade vom Gärtnerplatzteam im Prinzregententheater gelöst wurde. Das muss kein Einwand sein gegen eine Premiere, die auf den ersten Blick so aussieht, als handle es sich um einen Rücksturz in die hiesige Ulrich-Peters-Intendantenzeit. Eine Kostümstudie des 19. Jahrhunderts, alles sorg- und sittsam zurechtgezupft. Viel Augenzwinkern, kleine Gags bis zur hinreißend komischen Rampennummer der (auch vokal) aufgedrehten Maria Nazarova als Lisa. Bellini als Operette maskiert.

Aber dann hat sich Regisseur Michael Sturminger mit seinem Ausstattungsduo Andreas Donhauser und Renate Martin eben auch anderes, Subtileres einfallen lassen. Schon von Anfang an, als Amina hereintrippelt und vergesslich nach den Hochzeitsschuhen fahndet, wird da ganz unverkrampft, ganz natürlich von einem weiblichen (Be-)Sonderling erzählt. Und als alle von einem nächtlich umgehenden Gespenst raunen, schwant und weiß Amina, wer damit gemeint ist.

Auf spiegelglattem Boden fahren ständig die Bühnenzimmer herein. Die können transparent werden, manchmal gaffen die Dörfler durch die Wände, manchmal quellen sie durch die Tür. Auf den Projektionswänden ist Alpenidyll samt Wasserfall zu sehen, einmal spielen diese Flächen surreales Ballett. Ein „Als ob“ wird da gezeigt, kein historisierendes Nachbuchstabieren.

Genau hat Sturminger gearbeitet, klar erzählend, handwerklich geschickt, werkdienlich, wie es eben an diesem Hause zum Standard geworden ist. Zuweilen hat er auch stereotypes Gestenrepertoire gestattet, ein bisschen viel Humor zugelassen und Opas Oper beschworen. Und dass er den stocksteifen Rodolfo (Maxim Kuzmin-Karavaev mit entspannter Bass-Sonorität) nicht ganz einbauen konnte, geht kaum aufs Konto des Regisseurs. Viel Raum bleibt jedenfalls für die Sänger, die den auch gern und gewinnbringend nutzen. Für Arthur Espiritu, der einen Elvino singt, wie es Bellini braucht. Mit schmalem, biegsamem, tadellos fokussiertem Tenor, ohne große Anstrengung in Extremlagen und gelegentlich so, als stehe da einer mit ironisch hochgezogener Augenbraue neben sich.

Anna Agathonos als Teresa hätte man gern eine große Arie gegönnt, zum Riesenerfolg wird die Aufführung aber für Jennifer O’Loughlin in der Titelrolle. In der ersten Arie startet die Sopranistin noch etwas großstimmig, mit zu viel Nachdruck in den Verzierungen, wird dann aber immer freier, selbstbewusster in der Jonglage mit der so kniffligen Partie bis hin zur intensiv durchlebten Finalszene. Im neu formierten Gärtnerplatz-Ensemble soll die US-Amerikanerin ab kommender Spielzeit eine tragende Rolle spielen (wir berichteten) – nicht verwunderlich, wenn ihr Intendant Josef E. Köpplinger die Donizettis und Bellinis zu Füßen legen würde.

Auch für Chefdirigent Marco Comin ist dies ein Stück nach seinem Geschmack. Statt sich auf gefälligen Rhythmen und Melodien auszuruhen, setzt er die Partitur in Flammen. Erstaunlich, wie bei dieser Vollgas-Deutung der auch im Spiel so präsente Chor, vor allem das reaktionsstarke Orchester mitgehen. Kein Takt wird nur verbucht. Sicherlich ließen sich das eine Detail oder die andere Verzögerung mehr genießen, auch manch hochgerissener Szenenschluss etwas abmildern. Doch vor allem wie Comin das Ensemble am kurzen Zügel zur Höchstleistung motiviert, macht den Abend so stark. Ungetrübter Jubel. Eine Belcanto-Schiene im wiedereröffneten Stammhaus – keine üble Idee wäre das unter solchen Voraussetzungen.

Weitere Aufführungen am 12., 14., 17., 20. und 25. Oktober; Telefon 089/ 2185-1960.

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