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„Kunst darf nicht zu sehr nach Kunst riechen“: Josef E. Köpplinger (47), gebürtiger Niederösterreicher und neuer Gärtnerplatz-Intendant.

Gärtnerplatz: Süßspeise ohne Zuckerschlecken

München - Ein Haus im Zwangsexil: Josef E. Köpplinger, neuer Gärtnerplatz-Intendant, präsentierte seinen ersten Spielplan.

Am Ende, wenn alle Zutaten zusammengerührt worden sind, soll dabei Folgendes herauskommen: „eine Süßspeise, die Musiktheater genannt wird“. Hofft jedenfalls Josef E. Köpplinger, österreichischer Kulturimport und ab Herbst der neue Intendant des Gärtnerplatztheaters. Doch ein Zuckerschlecken wird es für ihn nicht. Bekanntlich muss das marode Haus ab Mai schließen und für 70 Millionen Euro saniert werden. Zwei Jahre, so heißt es offiziell, fällt Münchens zweites Opernhaus als Spielstätte aus. Der Realist Köpplinger rechnet allerdings mit drei.

Für das Haus, traditionell ein Hort des Repertoiretheaters und der Ensemblepflege, bedeutet das: Köpplinger behält nur die unkündbaren Gärtnerplatz-Mitglieder und vertraut vorerst auf kein festes Ensemble. Sein erster Spielplan ist zudem der eines Stagione-Theaters: Ist eine Produktion abgespielt, folgt – mit kleinen Überlappungen – die nächste. Dies führt zum bemerkenswerten Ergebnis, dass zum Beispiel „Im weißen Rössl“ 34 Mal hintereinander im Fröttmaninger Zelt des Deutschen Theaters gezeigt wird – und damit allein für diese Produktion über 51 000 Karten im Angebot sind.

Doch Köpplinger ist Realist – und Optimist, wie auf seiner ersten Spielplan-Präsentation deutlich wurde. Von der Ausnahmesituation hat er sich nicht schrecken lassen und eine (von der Papierform her) hochrespektable erste Saison entworfen. Viele populäre Stücke als Besucherlockstoffe sind darunter, vom „Rössl“ über „Cabaret“ bis zum „Bettelstudenten“. Und viel Prominenz: Maximilian Schell ist in über der Hälfte der „Rössl“-Vorstellungen als Kaiser Franz zu erleben. Michael von Au, einst Ensemble-Star am Staatsschauspiel, wird Dauergast, unter anderem als Sigismund im „Rössl“ und als Erzähler im „Karneval der Tiere“. Franz Hawlata singt die Titelpartie in „Don Pasquale“, der von Brigitte Fassbaender inszeniert wird. Die Opernlegende, noch bis Ende dieser Saison Intendantin des Tiroler Landestheaters in Innsbruck, feiert damit ihre Rückkehr nach München und ihr hiesiges Regie-Debüt.

Auf sechs Spielstätten muss Köpplinger ausweichen. Auf das Fröttmaninger Zelt des Deutschen Theaters, das Cuvilliéstheater, das Prinzregententheater, die Reithalle, die Alte Kongresshalle auf der Theresienhöhe und das Stadtmuseum. Eine brandgefährliche Situation, müssen doch die Gärtnerplatz-Fans dazu überredet werden, „ihrem“ Haus auf einer „Reise quer durch die Stadt“ (Köpplinger) zu folgen.

An das „Definitionsproblem“ der Gärtnerplatz-Kunst glaubt der neue Intendant nicht. Operette sei nicht tot, man müsse sie nur gut spielen. „Am liebsten würde ich das Haus zur Münchner Volksoper machen“, sagte Köpplinger. Ein Mann des Thesenschwingens, das wurde auch durch seine bisherigen Positionen und Inszenierungen deutlich, ist der gebürtige Niederösterreicher nicht. Worte wie „Sinnlichkeit“ und „Erotik“ fallen, wenn der 47-Jährige über die Bühnenkunst spricht. „Theater ist immer ein Ort der Verführung. Wenn Kunst zu sehr nach Kunst riecht, dann bekommt das einen fahlen Beigeschmack.“

Trotzdem gestattet sich der Noch-Chef des Stadttheaters Klagenfurt hochambitionierte Extras. Friedrich Cerha, vor allem durch die Komplettierung von Alban Bergs „Lulu“ bekannt geworden, schreibt für München die „Der Präsident“, eine musikalische Farce. Die basiert auf dem Theaterstück „Eins, zwei, drei“, das seinerseits durch eine Verfilmung Billy Wilders Weltruhm erlangte. Überdies ist die Alte Kongresshalle Schauplatz einer Art halbkonzertanten Aufführung von Arthur Honeggers dramatischem Oratorium „Johanna auf dem Scheiterhaufen“, für das Max Keller die Licht-Regie besorgt.

Neuer Chefdirigent wird Marco Comin, bislang Erster Kapellmeister in Kassel. Der gebürtige Venezianer hat in München nur eine „Zauberflöte“ und eine Probe als Vordirigat geleitet. Offensichtlich müssen die Musiker gleich Feuer gefangen haben. Sein neues Orchester möchte er verstärkt auch in Konzerten präsentieren. Comin versteht sich dabei nicht allein als Mann des Musiktheaters: Er dirigiert auch eine Ballett-Produktion. Der heiklen Exil-Phase des Hauses sieht er mit Zuversicht entgegen – und dennoch: „Wir würden lügen, wenn wir sagen, dass wir keine Angst haben.“

Markus Thiel

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