Umnachteter Spross eines Adelsgeschlechts: Seltsames geschieht um und mit Roderick Usher (Harry van der Plas). foto: posch

Gärtnerplatz-Theater: Tanz in den Wahnsinn

München - „Schauergeschichte", diese Umschreibung griffe zu kurz. Denn was sich dort, im düsteren Anwesen von Roderick Usher zuträgt, ist eine merkwürdige bis haarsträubende Mixtur aus Gruselschocker, Krimi und Psychostudie.

von Markus Thiel

Erstmals erschien „Der Untergang des Hauses Usher“ von Edgar Allan Poe 1839 in einem New Yorker Magazin. Eine Geschichte, die zu einer seiner populärsten wurde - und die Regisseure zur Verfilmung und Komponisten zur Vertonung anstachelte.

Neben der Fassung von Claude Debussy, der lediglich ein Opern-Fragment hinterließ, ist die des 1937 geborenen Amerikaners Philip Glass berühmt geworden. Das Münchner Gärtnerplatztheater widmet sich nun diesem 90-minütigen Zweiakter, heute Abend ist Premiere. Glass, auch durch seine Filmmusik („Koyaanisqatsi“, „The Truman Show“, „Candyman“) ein Begriff, war nie ein atonaler Publikumsschreck - eher einer, der manche Orchester gegen sich aufbrachte, die seine „Minimalismus-Musik“ mit den sich ewig wiederholenden, so enervierend wie soghaften Figuren ablehnten. „Der Untergang des Hauses Usher“ ist gewissermaßen aus der Endzeit dieser Periode, bevor Glass begann, wesentlich süffiger, farbiger, dankbarer und, wie enttäuschte Fans anmerkten, auch filmmusikhafter zu schreiben. Wie bei Poe dreht sich in der Oper von Philip Glass alles um Roderick Usher, der in den Wahnsinn hinübergleitet. Er ruft seinen Jugendfreund zu sich, dem Seltsames widerfährt. Undefinierbare Geräusche im sturmumtosten Haus, das auch noch von einem riesigen Riss durchzogen ist, schrecken William auf. Rodericks Zwillingsschwester Madeleine stirbt angeblich - und taucht dann blutüberströmt wieder auf, um sich am Bruder zu rächen.

Für seine Oper hat Glass ein spezielles Instrumentarium verwendet: Gitarre, Schlagwerk, Synthesizer und die Besetzung eines Kammerorchesters. Dirigiert wird die Münchner Neuproduktion von Lukas Beikircher, dem kommissarischen Chefdirigenten des Hauses, zuletzt hier mit Rossinis „Italienerin in Algier“ höchst erfolgreich. Die Inszenierung stammt von Carlos Wagner, einem in Venezuela geborenen Regisseur, der auch Tanz und bildende Kunst studiert hat. Zusammen mit Bühnenbildner Rifail Ajdarpasic und Ariane Isabell Unfried (Kostüme) hat er sich für Glass’ „Usher“-Oper etwas Besonderes einfallen lassen: Die Inszenierung greift zurück auf Elemente des japanischen Butoh-Tanztheaters. Eine zeitgenössische Kunstform, die übersetzt so viel wie „Tanz der Finsternis“ bedeutet und die sich sowohl gegen die US-amerikanische Kultur der Musicals als auch gegen rationale Gesetzmäßigkeiten und die starren Regeln des alten japanischen Tanzes wendet.

In der Münchner Produktion sind Harry van der Plas als zwielichtiger Roderick und Gregor Dalal als sein Freund William zu erleben. Nicht nur, dass sich die Solisten hier im absoluten Randbereich des üblichen Repertoires bewegen, für die Produktion mussten sie auch darstellerisch umlernen: Vor Beginn der Proben durften sie mehrere Tage mitButoh-Tänzer Tadashi Endo verbringen.

Premiere,

heute, 19.30 Uhr;

Telefon 089/ 2185-1960.

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