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Das Gärtnerplatztheater bohrt bis zum Schmerz

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Eine wichtige Farbe in die schwarze Bühnenwelt bringt Mária Celeng als Lucile Desmoulins nicht nur aufgrund der Farbe ihres Kleides, sondern auch künstlerisch (Szene mit Alexandros Tsilogiannis als Camille Desmoulins). © Christian Pogo Zach

Das Münchner Gärtnerplatztheater startete mit „Dantons Tod“ in die neue Spielzeit. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:

Der Zeitpunkt für die erste Gärtnerplatz-Premiere der neuen Saison war klug gewählt. Nicht nur, weil Komponist Gottfried von Einem in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, was vor allem zu Hause in Österreich einige prominent besetzte Produktionen seiner Opern mit sich brachte. Nein, auch die an diesem Wochenende anstehende Bayernwahl trägt ihren Teil dazu bei, dass man bei Günter Krämers Neuinszenierung von „Dantons Tod“ zuweilen ein etwas flaues Gefühl in der Magengegend bekommt: Die Büchner-Vertonung thematisiert unter anderem die Verführbarkeit und Wankelmütigkeit eines Volkes, das in den Wirren der Französischen Revolution seine Orientierung verloren hat und sich an charismatische Redner klammert.

Das Libretto wurde um Büchner-Zitate ergänzt

Hatte Hausherr Josef E. Köpplinger das Werk zu Jahresbeginn an der Wiener Staatsoper noch weitgehend im historischen Kontext belassen, scheut Krämer nun keineswegs davor zurück, mit starken Bildern dort nachzubohren, wo es wehtut. So lockt der Regisseur das Publikum aus der bequemen Rolle des Beobachters heraus.

Das beginnt schon vor dem Einsetzen der Musik, wenn Anhänger Dantons und Robespierres die Türen zum Zuschauerraum mit Pamphleten tapezieren und ihre Botschaften lautstark durch die Gänge rufen. Auch im weiteren Verlauf des Abends begegnet man manchem Büchner-Text, den von Einem und Librettist Boris Blacher für ihre manchmal etwas gehetzte und glattgebügelte Fassung eigentlich nicht vorgesehen hatten. Die Zitate werden mal von Schauspielerin Sona MacDonald mit viel Herzblut in den Saal geschleudert, mal sind sie als Projektion auf der hoch aufragenden LED-Wand zu lesen, die den subtil ausgeleuchteten, kargen Bühnenraum dominiert.

Anthony Bramall liefert ein druckvolles Dirigat

Während im ersten Akt die Drehbühne noch Überstunden macht, beruhigt sich die Lage nach der Pause deutlich. Ebenso einfach wie wirkungsvoll präsentiert sich besonders das Kerkerbild, das trotz fast leer geräumter Bühne eine klaustrophobische Stimmung verbreitet und mit den aneinander gedrängten Körpern Assoziationen an Rodins „Bürger von Calais“ weckt. Krämer und sein Ausstattungsteam haben nicht nur hier ein gutes Gespür, wann man die zum Bombastischen neigende Musik für sich stehen lässt und wann man ihr etwas entgegensetzen muss. So etwa bei Dantons letztem Weg zur Guillotine, wo der zuvor als Schwarzer Block eingeführte Chor eben nicht als hysterische Masse über die Bühne wuselt, sondern seine wütenden Kommentare in oratorienhafter Statik, aber gerade dadurch nur umso imposanter über die Rampe bringt.

Unten im Graben tut auch Anthony Bramall das Seine, um die durchweg tonale Partitur nicht zu plakativ werden zu lassen, und liefert ein druckvolles Dirigat, das der Textverständlichkeit der Sänger bei aller Direktheit dennoch nie im Wege steht. Mathias Hausmann gibt den ehemaligen Revolutionshelden Danton zunächst in sich ruhend und beinahe schon resigniert. Als ihn aber Robespierre aus eigener politischer Motivation vor das Tribunal zerren lässt, geht auch er aus sich heraus und verschafft sich mit kultiviertem Bariton selbstbewusst Gehör.

Mária Celeng beeindruckt als Sängerin und Darstellerin

Da verschmerzt man auch, dass die Rolle von Dantons Intimfeind für Daniel Prohaska teilweise eine Schuhnummer zu groß ist und die tenoralen Höhepunkte des Abends diesmal vor allem von Juan Carlos Falcón und Alexandros Tsilogiannis kommen. Wobei Letzterer mit Mária Celeng eine ebenso eindringlich singende wie darstellerisch präsente Partnerin zur Seite hat, die nicht nur durch ihr leuchtend rotes Kleid eine wichtige Farbe zu dieser schwarzgrauen Bühnenwelt beisteuert.

Tobias Hell

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