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Wenn die Säfte steigen: Liliom (Daniel Prohaska) zwischen seiner Chefin Frau Muskat (Angelika Kirchschlager, li.) und Julie (Camille Schnoor).

Premierenkritik 

Gärtnerplatz-Uraufführung von „Liliom“: Oper am Anschlag

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München: Im Auftrag des Gärtnerplatztheaters vertonte Johanna Doderer das Theaterstück „Liliom“, Uraufführung war in der Reithalle - eine imponierende Anstrengung für ein problematisches Werk 

Natürlich ist der Puccini-Vergleich unfair. Jene Geschichte ist gemeint, als der Komponist den Schauspiel-Autor Ferenc Molnár bat, ihm bitte, bitte die Vertonung von „Liliom“ zu gestatten. Vergeblich, wie wir heute wissen. Und zu Recht? Prinzipiell muss sich jeder Text eine Veroperung gefallen lassen. Erfolgreich wird die Sache jedoch erst, wenn Geist und Inhalt erkannt, getroffen und – jetzt kommt’s – neue Ebenen, Erweiterungen, gerne auch Konterkarierungen Augen und in diesem Falle Ohren öffnen. Womit wir bei der aktuellen Gärtnerplatz-Produktion wären.

Eigentlich war diese „Liliom“-Oper der Österreicherin Johanna Doderer als Großereignis geplant. Zur Wiedereröffnung des Stammhauses, mutmaßlich dominiert (der Inhalt drängt das ja auf) von einer frisch gefertigten und gut geölten Drehbühne. Der Intendant höchstselbst behielt sich das „Libretto“ (die Einrichtung des Originaltextes) und die Regie vor. Doch die Sanierung verlängerte sich bekanntlich um ein Jahr, die Reithalle musste als Ersatz-Ort herhalten. Und nach der Uraufführung beschleicht einen der lästerliche Gedanke: Gar nicht übel, dass Münchens Volksoper zum tatsächlichen und hoffentlich glorreichen Wiedereinzug im Herbst 2017 nun eine andere Produktion stemmen muss.

Johanna Doderer zielt auf allseits verständliches Musiktheater

Dass Doderer sich nicht als Speerspitze der Avantgarde versteht, sondern allseits verständliches Musiktheater machen will, kann ihr keiner vorwerfen. Dies ist, gerade an einem solchen Haus, legitim. Anfechtbar ist anderes: dass sie Molnárs intimes Stück, das sogar im himmlischen Welttheater-Teil nicht protzig posiert, aufgepumpt hat zu einer „großen Oper“. Zu einem langen Zweistünder, der sich zwischen essigsaurem Musical und Verismo-Imitat bewegt. Zu einem Opus, das Feinheiten mit Muskelspielen überfährt.

Dreierrhythmen gibt es, überhaupt viele repetitive Strukturen, was sich bis in die penetrante Wiederholung von Worten und Sätzen fortsetzt: Das „Ringelspiel“ dieses Rummelplatzes als sich ewig und ins Leere drehendes Lebenskarussell, dieses Prinzip hat man schon irgendwann verstanden. Doderer kann Situationen bedienen und mit dem Orchesterapparat jonglieren. Manchmal verdichtet sich alles zu Ariosem, anderes kreist um sich wie ein Widerhall aus dem Orff’schen Œuvre. In den schwächsten Momenten ist die Musik reines Glutamat, eine Verstärkung des ohnehin Gesagten. Und viel zu oft läuft alles heiß in eine Dramatik ohne rechte Fallhöhe.

Unter dem Dauerfeuer haben die Sänger zu leiden, Doderers Partien sind – überraschend bei einer Uraufführung – kaum Maßanfertigungen. Mit allen Opernwassern gewaschen entledigt sich Angelika Kirchschlager ihrer Aufgabe. Als Frau Muskat ist sie die einzige, die mit Noten und Text spielt. Der Star, eine ungewöhnliche Gärtnerplatz-Besetzung, schafft es, den Musiktonfall herunterzupegeln, neu und für sich zu justieren. Camille Schnoor ist, bedingt durch die Power-Partitur, keine allerliebreizende, passive Julie, sondern ein herbes dramatisches Mädchen. Risikolustig bis schonungslos wirft sich die Sopranistin in ihre Aufgabe, ist am Ende, als gereifte, vom Leben versehrte Frau, am besten. Cornelia Zink steht ihr mit unerschrockener Intensität als Marie in nichts nach.

Der Regie gelingen schöne, schlüssige Charakterstudien

In der Titelpartie wird Daniel Prohaska von der Musik an den Anschlag und über Grenzen getrieben. Als Vorstadt-Macho, als Kerl, der seinen weichen Kern mit Schroffem und Brutalität tarnt, als einer, der immer wieder vor Ehrlichkeit zurückschreckt, weil er es sich selbst als Schwäche auslegt, für all das ist Prohaska eine sehr gute Liliom-Besetzung. Dass er vokal schwer ackern muss, steht einer restlos befriedigenden Interpretation im Wege.

Josef E. Köpplinger zielt mit Rainer Snell (Bühne) und Alfred Mayerhofer (Kostüme) aufs Reduzierte mit surrealer Würze. Eine blinkende Karusselkrone, ein Bahngleis, auf dem Liliom ins Jenseits taumelt, eine Zimmerfront, die herausklappt, ansonsten viel Leer- und Aktionsraum. Schöne, schlüssige Charakterstudien gelingen, auch in den gut besetzten kleineren Rollen, die tiefe Bühne wird mit souverän abgeschmecktem Regie-Handwerk bespielt. Chor und Kinderchor des Gärtnerplatztheaters bewegen sich erstaunlich selbstverständlich durch die Partitur. Michael Brandstätter am Pult des weit hinten platzierten Orchesters hält alles trotz der Dimensionen sicher zusammen. Eine imponierende Anstrengung für ein problematisches Stück.

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