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Zwischen Film-Naturalismus und Kitsch: Kateri ná Hebelkova  als Emilie und Mathias Hausmann als Oskar Schindler in der Inszenierung von Kenneth Cazan.

PREMIERENKRITIK

Uraufführung von „Frau Schindler“: Nur gut gemeint

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München - Das Gärtnerplatztheater widmet sich in der Münchner Reithalle mit der Oper „Frau Schindler“ einer fast vergessenen Heldin. Doch leider scheitert die Ehrenrettung aus mehreren Gründen. Lesen Sie hier die Uraufführungskritik.

Drei, vier Minuten, mehr sind es wohl kaum. Eine Frau im Rollstuhl kommt auf den Franziskanerfriedhof in Jerusalem, legt Steine aufs Grab ihres Mannes, damit hat sich der Fall Emilie Schindler erledigt. Nicht nur in Steven Spielbergs Kino-Epos „Schindlers Liste“, auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Frau, die mindestens genauso viel tat für verfolgte Juden und von ihrem Mann betrogen wurde, ihre spätere einsame Existenz bei Buenos Aires mit Hunden, Hühnern und 20 Katzen. Dann die 50 000 Dollar, die Spielberg seinem schlechten Gewissen und seinem Einnahmekonto abgerungen hat, Emilies verhärmte, boshafte Reaktion auf eine Welt, die nur in Oskar Schindler den Judenretter sah: Wenn die Historie ungerecht wird mit den Menschen, schlägt gern die Stunde der Ehrenretter.

Die kommen in diesem Fall aus zwei Welten, aus Kalifornien und aus München. Ein Filmmusikmann, der Klänge allein über Wirkung definiert, und das Gärtnerplatztheater, das sich mit der Uraufführung von „Frau Schindler“ in der Reithalle zu aller Ambition entschlossen zeigt. Eine Volksoper will aufklären mit ihren ureigenen Mitteln, sehr respektabel ist das. Und was man aus diesem zweieinhalbstündigen Abend inklusive einer Pause mitnimmt: Emilie Schindler als Dramenfigur, als tragische Heldin, als von Gatte und Geschichte Ausgebootete, das funktioniert tatsächlich. Aber nicht so.

Die Musik kommt über eine atmosphärische Garnierung kaum hinaus

Alles wollen Komponist Thomas Morse und Librettist Kenneth Cazan, der auch die Inszenierung besorgt hat, erzählen. Davon, wie Oskar Schindler mit seiner Fabrik eine Arbeitsenklave für verfolgte Juden unterhielt, wie er seine Frau ständig hinterging, wie ein Zug mit Arbeiterinnen versehentlich nach Auschwitz umgeleitet wurde und dann doch zum Schindler-Werk zurückkam, und auch davon, wie Deutschland vom Krieg und die Ehe des Paares später in Südamerika zerstört wurde. Enorme Textmengen wurden dafür aufgefahren. Und alle diese vielen Figuren, besonders aber die Protagonisten, sind zwei Stunden damit beschäftigt, sie abzuarbeiten.

Das geht nur als Dauer-Rezitativ. Kaum kann sich die Musik verdichten, kaum kann sie, was schwerer wiegt, kommentieren, abwägen, konterkarieren. Diese Musik weiß von nichts. Thomas Morse kommt mit seiner Partitur, die Dirigent Andreas Kowalewitz und das Gärtnerplatz-Orchester mit größtmöglicher Schönheit realisieren, nicht über die erste Ebene der atmosphärischen Garnierung hinaus. Dass Morse zu 95 Prozent tonal schreibt, kann ihm keiner vorwerfen. Gerade im angelsächsischen Raum sind in den vergangenen Jahren, unter Ausblendung des kompositorischen Fortschritts und ohne die Grenze zum Musical zu überschreiten, gute Stücke entstanden. Doch der Münchner Fall verhält sich anders. Sehr überschaubar ist das musikalische Material von „Frau Schindler“, das kaum entwickelt, dafür gern in Schleifenbewegungen eines missverstandenen Minimalismus geschickt wird. Manchmal schweigt das Orchester, während die beliebige, gezackte Vokallinie der Sänger fortgeführt wird. Einmal kommt es sogar zum Zitat aus Wagners „Tristan“-Vorspiel, nicht als aufblitzende Ahnung, sondern als überlang ausgespielte, wie geborgte Qualität.

Die Solisten werten das Stück enorm auf

Trotz aller Simplizität wuchert „Frau Schindler“ und droht, an hehren Zielen zu ersticken. Weniger zu tun hat das mit der deutschen Hybris des „Wir-lassen-uns-unsere-Bewältigung-doch-nicht-vorschreiben“. Aber dieser Abend schreit, und das in erster Linie nach einem musikalischen Dramaturgen, nach einem Textlektor und eigentlich auch nach einer eingreifenden Theaterleitung. Plattitüden vom „Krieg als Vater aller Dinge“ bis zum „Wir steh’n das durch“-Chor der Juden häufen sich. Es kommt zu historisch Widersinnigem, wenn der Zweite Weltkrieg nach der Schlacht bei Stalingrad beendet scheint und an der Schweizer Grenze US-Soldaten die Geflüchteten kontrollieren.

Während Komponist Thomas Morse, so sympathisch naiv er auch zu Werke geht, nach der Pause und im merkwürdig kurzen zweiten Teil endgültig in der Kitschfalle sitzt, steuern Regisseur Cazan und Ausstatter Kevin Knight unverhohlenen Naturalismus bei. Hakenkreuze auf Armbinden, eine „Arbeit macht frei“-Projektion, Kohlsuppe-Kochen im Lager, alles ist dabei. Einmal ziehen Geknechtete mit gelbem Stern durchs Publikum ein. Was als nachbuchstabierter Realismus im Film klappen könnte, streift hier, als zu gut gemeinte „große Oper“, die Grenze zur Peinlichkeit.

Wie dankbar ist man, dass das Gärtnerplatztheater bis in die kleinen Rollen Luxuriöses bietet. Jennifer O’Loughlin, Frances Lucey, besonders Elaine Ortiz Arandes werten das Stück enorm auf, und dies allein kraft ihrer Persönlichkeit. Am plastischsten wird es im Duell von Emilie und Oskar Schindler. Katerina Hebelková gestaltet sie mit herber Mezzo-Härte, Mathias Hausmann ihn mit der schlanken, durchdringenden Flexibilität seines Kavalierbaritons. Höchsten Respekt verdient ihre Vorarbeit, das Lernen der überbordenden Partien. Man verfolgt beide gerne, weil vor allem Hausmann seine Figur im Zwielicht schillern lässt. Verräterisch ist das und weist auf eine Möglichkeit. „Frau Schindler“ als höchstens einstündiges, scharf zugespitztes Kammerspiel vor der Folie von Krieg und Holocaust – eine Aufgabe für die nächste Ehrenretter-Runde wäre das doch.

Lesen Sie hier dazu unser Interview mit Komponist Thomas Morse.

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