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Künstlerarmut als Opernthema: Szene aus Puccinis „La bohème“ in einer Aufführung des Augsburger Theaters.

CORONA-LOCKDOWN AN THEATERN

Keine Vorstellung – keine Gage? So leicht können Künstler nicht abgespeist werden

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Es ist nicht verboten, (Teil-)Gagen bei Vorstellungsausfällen zu zahlen: Wie Theater freie Künstler unterstützen oder abspeisen.

Hamburg hat es nun getan, Berlin ebenso, die Münchner hatten es in der vergangenen Woche verkündet: keine Aufführungen mehr in dieser Saison an den Staatsopern, das Spiel ist aus. Was für die jeweiligen Gastsänger bedeutet: keine Vorstellung, keine Gage. Oder doch? Es tut sich gerade etwas in einer Debatte, die immer mehr Künstler zwischen Verzweiflung und Wut zurücklässt. Wie berichtet, gibt es tatsächlich Theater, ob Schauspiel- oder Opernhäuser, die ihre Gäste nicht im Regen stehen lassen. Komplette Erstattung für Corona-Ausfälle oder nur Teilgagen oder ein hartes Nein mit Verweis auf „höhere Gewalt“ – auch in dieser Frage ist Deutschland ein Flickenteppich, manchmal sogar innerhalb einer Stadt.

In München zum Beispiel zahlt das Volkstheater 80 Prozent. Für Intendant Christian Stückl eine Selbstverständlichkeit, auch wenn es in dieser Frage keine offizielle Direktive der Stadt gibt: „Du kannst den freien Schauspielern doch nicht einfach den Stecker ziehen.“ Schließlich brauche man die Gäste auch nach der Corona-Krise. Außerdem spricht Stückl etwas an, das andere Intendantenkollegen gern verschweigen: Die Gagen sind längst budgetiert. „Wir sparen uns durch die Absagen auch einiges.“

Hannover zahlt, Frankfurt weigert sich

Eine ähnliche, nicht ganz so großzügige Haltung nimmt das Theater Hof ein. Man arbeite mit vielen der Künstler seit Jahren zusammen und möchte ein Zeichen der Solidarität setzen, teilte Intendant Reinhardt Friese mit. Auch wolle man „zur Überbrückung finanzieller Nöte, in die Künstlerinnen und Künstler unverschuldet geraten, beitragen“. Dabei komme es zu „individuellen Modellen“ von der späteren Rückzahlung der Gagen über Teil-Abrechnung bis zur Verrechnung mit späteren Engagements.

Auf ein gemeinsames Vorgehen haben sich inzwischen die niedersächsischen Staatstheater geeinigt, zu denen die Staatsoper Hannover gehört. Zu Beginn der Corona-Krise zahlte man die volle Gage, jetzt sind es 50 Prozent. In Absprache mit dem Aufsichtsrat ist dies passiert, eine Vertreterin der Staatstheater spricht von „Kulanz“. Zu denen, die sich vor einer solchen Regelung scheuen, zählt dagegen die sich sonst so fortschrittlich gebende Frankfurter Oper: Mit Verweis auf Einnahmeausfälle wolle man nicht einfach zahlen, teilte das Haus mit. Vielmehr sollen die betroffenen Künstler über Ersatztermine und „alternative Rollenangebote“ an ihr Geld kommen.

Bayerns Kunstministerium hat für die Staatstheater schon in der vorvergangenen Woche eine Regelung angekündigt. Noch immer sei „der ressortübergreifende Abstimmungsprozess“ nicht abgeschlossen, so die Formulierung. Was heißen kann: Der Finanzminister mauert. Der Freistaat ist also entweder unwillig, spielt auf Zeit oder ist sich über eine Situation nicht ganz im Klaren, die freie Künstler die Existenz kosten könnte.

„Höhere Gewalt“ als Generalentschuldigung

Ob ein Theater sich erkenntlich zeigt oder nicht, das hängt ergo nicht unbedingt von der Rechtsform oder vom öffentlichen Träger ab. Eine GmbH wie das Münchner Volkstheater kann freien Künstlern ebenso entgegenkommen wie eine staatliche Bühne. Was zählt, ist weniger das Konstrukt, sondern der Wille des Entscheidungsträgers – ob der nun Intendant oder Minister ist. Anders gesagt: Es ist nicht verboten, (Teil-)Gagen zu zahlen, man muss es nur wollen.

Wer nicht großzügig ist, verweist gern auf die Rechtslage. Die „höhere Gewalt“ der Corona-Pandemie sei ausschlaggebend. Doch je länger der Lockdown anhält, desto deutlicher wird: So einfach ist es offenbar nicht. Es ist eine vertrackte, für Laien nicht sofort verständliche juristische Lage entstanden. Zentrale Frage: Was ist überhaupt ein freier Künstler? Einer, der vom freien Markt geholt wird für eine Produktion und dann wieder weitergeschickt wird? Ein Arbeitslieferant also, bei dem größtmögliche Freiheit gleichbedeutend ist mit größtmöglichem Risiko?

Es gibt Rechtsauffassungen, die sagen: nein. Das Ensemble-Netzwerk, ein gemeinnütziger Verein, der sich für Theaterschaffende einsetzt, hat dazu eine Umfrage gestartet. Demnach sind über 71 Prozent der Freelancer an den Theatern sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Sie sind damit, ob für einen Abend oder für eine bestimmte kurze Zeit, quasi fest angestellt. Damit hätten sie einen wesentlich größeren Schutz verdient und unter Umständen ein Anrecht auf Lohnfortzahlung. Durchaus möglich also, dass es demnächst zu einer Reihe von arbeitsrechtlichen Prozessen kommt, Sänger Matthias Goerne hat solches bereits angekündigt. Er prophezeit eine Klage-Flut, sollte sich an der Situation nichts ändern.

Sänger schwimmen nicht im Geld

Germinal Hilbert, Chef einer der wichtigsten Sänger-Agenturen mit Sitz in München und Paris, zielt daher gar nicht mehr auf den Rechtsbegriff der „höheren Gewalt“. Er will alles an der „Zumutbarkeit“ messen. Und er wehrt sich heftig gegen das Klischee, Sänger schwämmen im Geld. Nur rund 30 Prozent der Gage bleiben laut Hilbert übrig – nach Abzug von Steuern, Reise-, Unterhalts- und Agenturkosten. Er verweist darauf, welches Loch die Absagen-Orgie in die Karriere reißt: „Eine Karriere dauert gut 25 Jahre. In dieser Zeit muss der Solist sein aktuelles Auskommen und die Altersvorsorge sichern. Außerdem schafft man nicht mehr als 40, 50 Abende pro Saison.“ Einige seiner Künstler, darunter Edel-Promis, könnten sich derzeit nur mit Kreditaufnahmen über Wasser halten. „Sollten die Theater schließen, bis es einen Impfstoff gibt, hätte das verheerende, nicht zu wiedergutmachende Auswirkungen. Das kann niemand überstehen.“

Auf eine 100-prozentige Erstattung ist ohnehin kaum ein freier Künstler aus. Der Bühnenverein hat in diesem Zusammenhang eine 50/50-Regelung ins Spiel gebracht. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat dies mittlerweile empfohlen. All dies ist schließlich nur im Interesse der Theater: Ohne freie Künstler wäre ihr Spielbetrieb nicht denkbar.

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